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Ammenhai

Ginglymostoma cirratum

Der friedlichste Hai des Riffs schläft in Gruppen und jagt bei Nacht.

Ammenhai (Ginglymostoma cirratum)

STECKBRIEF

KlassifikationOrdnung der Ammenhaiartigen, Familie der Ginglymostomatidae
Wissenschaftlicher NameGinglymostoma cirratum (Bonnaterre, 1788)
GrößeBis zu 4,3 m (Durchschnitt: 2,5–3 m)
GewichtBis zu 150 kg
Geschwindigkeit~2,5 km/h im Normalgang
Lebenserwartung25 bis 35 Jahre (Schätzungen bis 40 Jahre in Gefangenschaft)
TiefeVon der Oberfläche bis 130 m, meist zwischen 1 und 12 m
ErnährungBenthisch — kleine Fische, Krebstiere, Weichtiere, Seeigel, Kraken, Kalmare
IUCN-StatusGefährdet (VU) — Bestandsrückgang, besonders im westlichen Atlantik

PORTRÄT

Man tritt fast auf ihn, bevor man ihn sieht. Auf dem Sand liegend, regungslos, in der Farbe des Grundes, sieht er nach nichts Bedrohlichem aus — und das aus gutem Grund: Der Ammenhai ist einer der harmlosesten Haie überhaupt. Man muss ihn regelrecht suchen, in die Enge treiben oder am Schwanz packen, damit er zubeißt. Und selbst dann lässt er nicht so leicht wieder los.

Ginglymostoma cirratum ist ein Bodentier. Er verbringt seine Tage ausgestreckt unter Korallenüberhängen, in flachen Höhlen oder direkt auf dem Sand, oft in Gruppen — manchmal liegen Dutzende Individuen übereinander gestapelt wie Holzscheite. Er gehört zu den wenigen Haien, die zur bukkalen Ventilation fähig sind: Er pumpt aktiv Wasser durch seine Kiemen, was ihm erlaubt, im Ruhezustand zu atmen, ohne zu schwimmen. Die meisten Haie müssen sich vorwärtsbewegen, um zu überleben. Er nicht.

Nachts ändert sich alles. Der Ammenhai geht auf die Jagd. Methodisch durchstreift er das Riff, tastet den Sand mit seinen Barteln ab — zwei fleischige Anhängsel, die unter der Schnauze herabhängen wie ein Walrossschnurrbart — und sobald er eine Beute aufspürt, erzeugt er ein brutales Ansaugen, um sie aus ihrem Versteck zu reißen. Das Geräusch ist unter Wasser hörbar: ein dumpfes Klatschen, charakteristisch, das ihm möglicherweise seinen Namen eingebracht hat.

WIE MAN IHN ERKENNT

Der Ammenhai lässt sich kaum mit etwas anderem verwechseln, wenn man ihn einmal gesehen hat. Seine Silhouette ist massig, fast zylindrisch, mit einem breiten, abgeflachten Kopf und einer kurzen, abgerundeten Schnauze. Zwei gut sichtbare Barteln flankieren das Maul, das klein und deutlich unterständig ist — nach unten gerichtet, zum Absaugen des Grundes geschaffen, nicht zum Beißen im Schwimmen.

Die beiden Rückenflossen sind fast gleich groß — ein Unterscheidungsmerkmal: Bei den meisten Haien ist die zweite Rückenflosse deutlich kleiner. Die Schwanzflosse ist lang — sie kann ein Viertel der Gesamtlänge des Tieres ausmachen — und ihr oberer Lappen zieht horizontal nach hinten, anstatt sich sichelförmig aufzurichten.

Die Färbung reicht von gelbbraun bis graubraun, beim erwachsenen Tier einfarbig. Jungtiere tragen kleine dunkle Flecken, die mit dem Alter verblassen. Unter Wasser hält man ihn auf Entfernung manchmal für einen länglichen Felsen — bis sich der Felsen in Bewegung setzt.

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LEBENSWEISE

Der Ammenhai ist ein Standorttreuer. Im Gegensatz zum Walhai oder zum Hammerhai legt er keine gewaltigen Strecken zurück: Sein Revier beschränkt sich oft auf wenige Quadratkilometer Riff. In Belize markierte Individuen wurden Jahre später am selben Ort wiedergefunden.

Tagsüber schläft er — oder zumindest verharrt er regungslos. Die Tagesansammlungen auf Sandböden und unter Korallenplatten gehören zu den vertrautesten Szenen des karibischen Riffs. Diese Gruppen sind nicht sozial im eigentlichen Sinne, doch der Ammenhai toleriert Körperkontakt auf eine für Haie ungewöhnliche Weise: Die Individuen überlappen sich, stapeln sich aufeinander, pressen sich aneinander. Taucher, die zum ersten Mal einen Haufen Ammenhaie entdecken, verstehen kaum, was sie vor sich sehen.

Nachts jagt das Tier allein. Seine Barteln, ausgestattet mit Chemorezeptoren und Tastrezeptoren, ermöglichen es ihm, im Sand vergrabene oder in Riffspalten versteckte Beute aufzuspüren. Sein Maul erzeugt dann eine Saugkraft von bemerkenswerter Stärke — eine der stärksten aller Haie im Verhältnis zur Körpergröße —, die in der Lage ist, eine Schnecke aus ihrem Gehäuse zu reißen oder einen Krebs aus seiner Spalte zu ziehen.

Die Fortpflanzung ist ovovivipar. Die Paarung, die in flachem Wasser beobachtet wurde, ist heftig: Das Männchen packt die Brustflosse des Weibchens mit dem Maul und dreht sie teilweise um. Die Tragzeit beträgt etwa sechs Monate. Die Würfe umfassen 20 bis 30 Junge von 25 bis 30 cm Länge, die von Geburt an auf sich allein gestellt sind.

WO MAN IHN BEOBACHTEN KANN

Der Ammenhai bewohnt die warmen, flachen Gewässer des westlichen Atlantiks, des östlichen Atlantiks und des östlichen Pazifiks. Er ist ein treuer Bewohner der Korallenriffe, Seegraswiesen und Mangrovenwälder. Hier sind die Reiseziele, an denen Begegnungen am zuverlässigsten gelingen:

Belize — Shark Ray Alley und Hol Chan. Dies ist wohl der berühmteste Ort der Welt für den Ammenhai. In Shark Ray Alley, im Meeresschutzgebiet Hol Chan nahe San Pedro (Ambergris Caye), versammeln sich die Ammenhaie in großer Zahl auf einem flachen Sandgrund. Der Ort verdankt seine Existenz den Fischern, die hier jahrzehntelang ihren Fang säuberten — die Haie haben sich die Adresse gemerkt. Das Wasser ist 2 bis 3 Meter tief, die Sicht gut, und die Haie sind an Taucher gewöhnt. Schnorcheln oder Tauchen, das ganze Jahr über.

Bahamas. Die Exumas und Compass Cay bieten nahezu sichere Begegnungen. Bei Compass Cay nähern sich die Ammenhaie dem Jachthafen und lassen sich vom Steg aus beobachten. Tauchgänge rund um Nassau und Andros offenbaren regelmäßig ruhende Gruppen unter Überhängen. Stuart Cove's und das Riff von New Providence sind Klassiker.

Curaçao. Das vom Ufer aus zugängliche Riff — eine Besonderheit der Insel — beherbergt residente Ammenhaie an mehreren Stellen, insbesondere Playa Lagun und Watamula. Die Begegnungen sind zahlenmäßig weniger spektakulär als in Belize, doch die außergewöhnliche Sicht (30 m und mehr) und die leichte Zugänglichkeit machen es zu einem hervorragenden Ort für einen ersten Kontakt.

Malediven. Obwohl die Ammenhaie dort weniger emblematisch sind als Mantarochen oder Walhaie, sind sie auf zahlreichen Atollriffen anzutreffen. Man findet sie ruhend unter Thilas (versenkten Korallenpinnakeln) und in Kandhus (Kanälen zwischen Inseln), besonders in South Ari, Baa und Rasdhoo. Nachttauchgänge auf den Malediven bieten regelmäßige Beobachtungen von jagenden Ammenhaien.

Florida Keys — USA. Der John Pennekamp Marine-Nationalpark (Key Largo) und das Looe Key Meeresschutzgebiet sind historische Spots. Der Ammenhai ist der häufigste Hai der Keys — man trifft ihn bei fast jedem Tauchgang, auf dem Sand zwischen Korallenblöcken liegend oder unter einem Überhang kauernd. Die warmen, flachen Gewässer der Straße von Florida sind ihm wie auf den Leib geschneidert.

Fernando de Noronha — Brasilien. Der vulkanische Archipel, UNESCO-Welterbe, beherbergt in seinen kristallklaren Gewässern eine residente Population von Ammenhaien. Die Tauchplätze Buraco da Raquel und die Baía dos Porcos bieten regelmäßige Begegnungen. Die strenge Reglementierung des Nationalparks begrenzt die Besucherzahl, was Beobachtungen in seltener Ruhe garantiert.

BEOBACHTUNGSKALENDER

ReisezielJFMAMJJASOND
Belize (Shark Ray Alley)
Bahamas (Exumas)
Curaçao
Malediven
Florida Keys
Fernando de Noronha

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NATURSCHUTZ

Ginglymostoma cirratum ist als Gefährdet (VU) auf der Roten Liste der IUCN eingestuft. Die Art war lange als „Unzureichende Datenlage" klassifiziert, was Schutzmaßnahmen verzögerte — man schützt nicht, was man nicht zählen kann. Die Neubewertung offenbarte einen erheblichen Rückgang, besonders im westlichen Atlantik, wo die Küstenpopulationen unter dem menschlichen Druck zurückwichen.

Die Bedrohungen sind vor allem küstennah. Der Ammenhai lebt genau dort, wo der Mensch baut: auf flachen Riffen, in Mangroven, in Lagunen. Lebensraumzerstörung, Küstenbebauung und Verschmutzung sind seine ersten Feinde. Hinzu kommen die gezielte Befischung (sein dickes Leder wird geschätzt, sein Fleisch und sein Leberöl werden lokal verzehrt) und der Beifang in Küstennetzen. Seine Standorttreue macht ihn besonders verwundbar: Wenn ein Riff zerstört wird, wandern die dort lebenden Ammenhaie nicht immer ab.

Seine langsame Fortpflanzung verschärft das Problem. Mit Würfen von 20 bis 30 Jungen alle zwei Jahre und einer Geschlechtsreife, die erst mit 15 bis 20 Jahren erreicht wird, ist die Fähigkeit der Art, Verluste auszugleichen, begrenzt.

Der verantwortungsvolle Taucher berührt den ruhenden Ammenhai nicht — auch wenn er „zahm" erscheint. Orte wie Shark Ray Alley, wo die Tiere an die menschliche Präsenz gewöhnt sind, vermitteln einen falschen Eindruck von Domestizierung. Ein in die Enge getriebener oder am Schwanz gepackter Ammenhai beißt zu und lässt nicht mehr los — sein Kiefer funktioniert wie ein Schraubstock.

Organisationen, die man unterstützen kann:

3 DINGE, DIE SIE WAHRSCHEINLICH NICHT WISSEN

1. Er saugt seine Beute ein wie ein Staubsauger. Der Ammenhai besitzt eine der stärksten Saugkräfte aller Haie. Sein kleines Maul und sein muskulöser Schlund erzeugen einen brutalen Sog, der die Beute buchstäblich aus ihrem Versteck reißt — Krebstiere werden aus ihren Spalten gezogen, Schnecken aus ihrem Gehäuse gesaugt, Fische aus ihrem Korallenloch gerissen. Das Ansauggeräusch ist mehrere Meter unter Wasser hörbar und oft der erste Hinweis darauf, dass ein Ammenhai in der Nähe jagt.

2. Er kann stundenlang regungslos verharren — und das ist bei Haien außergewöhnlich. Die große Mehrheit der Haie muss ständig schwimmen, um Wasser durch ihre Kiemen zu pressen und zu atmen — die sogenannte Staudruckventilation. Der Ammenhai hingegen pumpt aktiv Wasser mithilfe der Muskeln seiner Mundhöhle. Diese Fähigkeit, die nur sehr wenige Haiarten teilen, erlaubt es ihm, stundenlang am Grund zu schlafen, regungslos, manchmal mit erhobenem Kopf an einen Felsen gelehnt und den Brustflossen flach auf dem Sand aufliegend.

3. Sein Biss ist eine Falle, die sich nicht mehr öffnet. Der Ammenhai beißt selten — die Mehrzahl der dokumentierten Fälle betrifft Taucher, die das Tier berührt, gepackt oder bedrängt haben. Doch wenn er zubeißt, verriegelt er. Seine pflastersteinartigen Zähne, zum Knacken von Schalen ausgelegt, verankern sich im Fleisch und der Kiefer schließt sich wie ein Schraubstock. Es sind Fälle dokumentiert, in denen das Tier seinen Griff minutenlang hielt und schließlich noch am Arm oder Bein des Badegastes hängend in die Notaufnahme gebracht werden musste. Die Lektion ist einfach: Man fasst keinen Hai an — auch nicht den, der schläft.

FOTO- UND VIDEOTIPPS

Der Ammenhai ist ein ideales Fotomotiv für Anfänger. Er bewegt sich nicht (oder kaum), er liegt in flachem Wasser, er flüchtet nicht. Die Herausforderung liegt woanders: ein Tier lebendig wirken zu lassen, das die meiste Zeit ein Nickerchen hält.

Objektiv. Weitwinkel für Gruppenszenen — ein Haufen Ammenhaie unter einem Überhang, das ist Weitwinkel oder gar nichts. Ein Fisheye 10–17 mm liefert die beste Wiedergabe der gesamten Szene. Für ein Einzelporträt ermöglicht ein 60-mm-Makro oder ein mittleres Zoom, die Barteln, die Hauttextur und das bernsteinfarbene Auge einzufangen.

Licht. In flachem Wasser (1–5 m) reicht natürliches Licht für Weitwinkelaufnahmen völlig aus. Blitz oder Lampen sind nützlich, um die braunen und goldenen Hauttöne wiederzugeben, die die Lichtabsorption des Wassers auslöscht. Beim Nachttauchgang — dem besten Moment für einen Ammenhai in Aktion — ist eine Lampe mit mindestens 2.000 Lumen unverzichtbar.

Annäherung. Langsam von der Seite kommen, auf Bodenhöhe. Sich niemals über einen ruhenden Hai stellen: Das ist eine Raubtierposition, und das Tier setzt sich in Bewegung. Sich in 2–3 Metern Entfernung auf den Sand legen und warten — der Ammenhai ist nicht scheu, und wenn er sich nicht bewegt, kommt das Foto von allein.

Klassischer Fehler. Einen Ammenhai von oben fotografieren. Von oben gesehen ist er ein braunes Rechteck auf Sand — keine Dimension, kein Leben. Sich flach hinlegen, auf Augenhöhe des Tieres, ändert alles: Man fängt den Blick ein, die Barteln, das Maul, die Beziehung zum Grund. Das ist der Unterschied zwischen einem Bestimmungsfoto und einem Porträt.

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