Zwergwal
Balaenoptera acutorostrata
Der kleinste Bartenwal — und der neugierigste.

STECKBRIEF
| Klassifikation | Ordnung der Wale, Familie der Furchenwale |
| Wissenschaftlicher Name | Balaenoptera acutorostrata (Lacepede, 1804) |
| Groesse | 7-10 m (Zwergform: 5-8 m) |
| Gewicht | 5-10 Tonnen |
| Geschwindigkeit | Bis zu 30 km/h Spitze, 5-15 km/h Reisegeschwindigkeit |
| Lebenserwartung | 40-50 Jahre (Schaetzungen bis 60 Jahre) |
| Tiefe | Oberflaeche bis 300 m, am haeufigsten zwischen 0 und 50 m beobachtet |
| Ernaehrung | Filtrierer mit Barten — Krill, kleine pelagische Fische (Hering, Sandaal, Lodde), Copepoden |
| IUCN-Status | Nicht gefaehrdet (LC) — Weltpopulation auf mehrere Hunderttausend Individuen geschaetzt |
PORTRÄT
Der Zwergwal ist die Art von Wal, mit der man nicht rechnet. Er besitzt weder die erhabene Wucht des Buckelwals noch die unwirkliche Masse des Blauwals. Er ist kompakt, schnell, heimlich — und dennoch, wenn er sich naehert, von einer entwaffnenden Neugier. Er kommt Boote beaeugen. Er umkreist Taucher. Er kehrt zurueck.
Balaenoptera acutorostrata ist der kleinste der Bartenwale, mit seinen 7-10 Metern bei einem Gewicht von 5-10 Tonnen. Fuer einen Mysticeten ist das wenig — kaum groesser als ein ausgewachsener Orca —, doch es genuegt, damit die Begegnung, wenn sie stattfindet, unvergesslich bleibt. Das Tier ist schnell, agil, faehig zu engen Kurven und abrupten Beschleunigungen. Es jagt allein oder in kleinen Gruppen, oft in Kuestennaehe, in Gewaessern, die die grossen Furchenwale nicht aufsuchen.
Es werden zwei anerkannte Arten unterschieden: der Noerdliche Zwergwal (B. acutorostrata), der in allen Ozeanen vorkommt, und der Antarktische Zwergwal (B. bonaerensis), der auf die suedlichen Gewaesser beschraenkt ist. Eine dritte Form, der Zwerg-Minkwal (dwarf minke whale), lebt in den tropischen Gewaessern der Suedhalbkugel — er ist es, den Schnorchler am Great Barrier Reef antreffen.
WIE MAN IHN ERKENNT
Der Zwergwal unterscheidet sich von anderen Furchenwalen durch seine bescheidene Groesse und seine spitze, schmale, von oben gesehen V-foermige Schnauze — ein Merkmal, das ihm seinen wissenschaftlichen Namen einbrachte: acutorostrata, "scharfe Schnauze". Der Kopf traegt einen einzelnen Laengskiel, charakteristisch fuer alle Furchenwale.
Das zuverlaessigste Erkennungsmerkmal ist der weisse Querstreifen auf den Brustflossen, der bei der gemeinen Form der Nordhalbkugel vorhanden ist. Es handelt sich um ein klares Merkmal, selbst in truebem Wasser sichtbar, das bei keinem anderen Wal vorkommt. Der Ruecken ist dunkelgrau bis schwarz, die Flanken heller, der Bauch weiss. Rund fuenfzig Kehlfalten erstrecken sich von der Kehle bis zum Nabel.
An der Oberflaeche ist der Zwergwal unauffaellig. Sein Blas ist klein (1-2 m), bei ruhigem Wetter oft unsichtbar, und die Rueckenfinne — hoch, sichelfoermig, im hinteren Drittel des Koerpers positioniert — erscheint fast gleichzeitig mit dem Blas, was ihn von den groesseren Furchenwalen unterscheidet, bei denen der Ruecken lange vor der Finne sichtbar wird. Die Fluke zeigt er beim Abtauchen so gut wie nie.
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LEBENSWEISE
Der Zwergwal ist ein Opportunist. Waehrend die grossen Furchenwale den berechenbaren Wanderrouten der Krillschwaerme folgen, nutzt er vielfaeltige Kuestenressourcen — Heringe, Sandaale, Lodde, Krill — und passt sich an, was Jahreszeit und Geografie ihm bieten. Man findet ihn ebenso in norwegischen Fjorden wie entlang der schottischen Kuesten, in der Antarktis oder an den tropischen Riffen von Queensland.
Seine Futteraufnahmetechnik entspricht der aller Furchenwale: das Schluckfressen (lunge feeding). Das Tier beschleunigt auf einen Beuteschwarm zu, oeffnet das Maul auf nahezu 90 Grad, verschlingt eine Wassermasse mit Fischen, die die erweiterten Kehlfalten aufnehmen koennen, schliesst dann das Maul und presst das Wasser durch die Barten. Der Vorgang dauert Sekunden. Manche Individuen jagen in Spiralen, andere treiben die Fische gegen die Oberflaeche oder Unterwasserklippen.
Die Fortpflanzung ist wenig erforscht. Die Paarung findet vermutlich im Winter in warmen Gewaessern statt, die Tragzeit betraegt etwa 10 Monate. Ein einzelnes Kalb kommt zur Welt, bereits 2,5 Meter lang. Die Saeugezeit dauert 5-6 Monate. Die Weibchen pflanzen sich alle ein bis zwei Jahre fort — ein fuer einen Wal rascher Rhythmus, der die Widerstandsfaehigkeit der Art zum Teil erklaert.
WO MAN IHN BEOBACHTEN KANN
Der Zwergwal ist kosmopolitisch, in allen Ozeanen vertreten — von den Tropen bis zum Polareis. Hier die Ziele, an denen Begegnungen am wahrscheinlichsten und eindruecklichsten sind:
Great Barrier Reef — Ribbon Reefs (Australien). Dies ist DER Hotspot weltweit fuer eine Begegnung im Wasser mit einem Zwergwal. Jedes Jahr, von Juni bis Juli, ziehen die Zwerg-Minkwale (dwarf minke whales) an den Ribbon Reefs noerdlich von Cairns entlang und naehern sich den Schnorchlern von sich aus. Die Tauchkreuzfahrtschiffe ankern an den Riffen und warten: Die Wale kommen zu den Schwimmern, nicht umgekehrt. Die Begegnung findet ausschliesslich beim Schnorcheln statt — Geraetetauchen mit Walen ist nicht erlaubt. Die Tiere sind neugierig, verspielt, und manche bleiben stundenlang in der Naehe des Bootes. Es ist eine der seltenen Gelegenheiten weltweit, mit einem Bartenwal in 25 Grad warmem Wasser und bei 30 Meter Sicht zu schwimmen.
Island — Husavik und Akureyri. Die Bucht von Skjalfandi vor Husavik ist einer der besten Walbeobachtungsplaetze Europas. Der Zwergwal ist dort von Mai bis Oktober die am haeufigsten gesichtete Art, oft nur wenige Dutzend Meter vom Boot entfernt. Das flache Licht der hohen Breiten, verschneite Berge im Hintergrund und die haeufige Anwesenheit von Buckelwalen vervollstaendigen das Bild.
Norwegen — Lofoten und Tromsoe. Die Fjorde Nordnorwegens sind ein winterliches und fruehlingshaftes Jagdrevier fuer Zwergwale, angelockt von den Heringsschwaermen, die sich dort konzentrieren. Tromsoe bietet Walbeobachtungsfahrten von November bis Januar, in der spektakulaeren Kulisse der Polarnacht und des Nordlichts — mit Zwergwalen, Orcas und Buckelwalen, die gemeinsam die gleichen Heringsschwaerme jagen. Die Lofoten bieten sommerliche Beobachtungen, von Mai bis September, vor der Kulisse von Fjorden und Berggipfeln.
Antarktis — Expeditionskreuzfahrten. Der Antarktische Zwergwal (B. bonaerensis) ist der haeufigste Wal der suedlichen Gewaesser. Expeditionskreuzfahrten zur Antarktischen Halbinsel von November bis Maerz begegnen regelmaessig Gruppen von Zwergwalen in den Kanaelen zwischen den Eisbergen. Das Tier ist dort weniger scheu als anderswo und naehert sich bisweilen den Zodiacs zwischen den Eisschollen.
BEOBACHTUNGSKALENDER
| Reiseziel | J | F | M | A | M | J | J | A | S | O | N | D |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Great Barrier Reef (Ribbon Reefs) | ||||||||||||
| Island (Husavik) | ||||||||||||
| Norwegen (Tromsoe) | ||||||||||||
| Norwegen (Lofoten) | ||||||||||||
| Antarktis (Halbinsel) |
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NATURSCHUTZ
Balaenoptera acutorostrata wird auf der Roten Liste der IUCN als Nicht gefaehrdet (LC) eingestuft. Er ist der einzige Grosswal, der auf globaler Ebene nie als bedroht galt — seine Population wird auf mehrere Hunderttausend Individuen geschaetzt. Doch dieser vergleichsweise guenstige Status verbirgt eine differenziertere Realitaet.
Der Zwergwal ist der letzte grosse Wal, der noch kommerziell bejagt wird. Die Internationale Walfangkommission (IWC) hat 1986 ein Moratorium fuer den kommerziellen Walfang verhaengt, doch drei Laender weichen davon ab:
- Japan hat 2019 nach seinem Austritt aus der IWC den kommerziellen Walfang wiederaufgenommen. Die jaehrliche Quote betrifft Zwergwale in japanischen Gewaessern. Zuvor hatte das Land ueber dreissig Jahre lang unter dem Deckmantel der "wissenschaftlichen Forschung" die Art in der Antarktis bejagt.
- Norwegen hat 1993 Einspruch gegen das Moratorium erhoben und bejagt den Noerdlichen Zwergwal im Nordostatlantik. Die jaehrliche Quote uebersteigt 1.000 Individuen, obwohl die tatsaechlichen Faenge darunter liegen.
- Island hat 2003 den Walfang wiederaufgenommen und bejagt sowohl den Zwergwal als auch den Finnwal. Die Zwergwalfaenge sind in den letzten Jahren zurueckgegangen.
Die uebrigen Bedrohungen entsprechen denen aller kuestennahen Wale: Beifaenge in Fischernetzen, Schiffskollisionen, Unterwasserlaerm, der Kommunikation und Navigation stoert, und Klimawandel, der die Verteilung der Beutetiere veraendert.
Der verantwortungsvolle Beobachter haelt mit dem Boot 100 Meter Abstand und verfolgt das Tier nie. Beim Schnorcheln am Great Barrier Reef gilt die umgekehrte Regel: Man geht ins Wasser und verhaelt sich passiv — der Wal entscheidet, ob er sich naehert oder nicht.
Organisationen:
- Minke Whale Project — Forschungs- und Fotoidentifikationsprogramm an den Ribbon Reefs
- WDC — Whale and Dolphin Conservation — Kampagnen gegen den kommerziellen Walfang
- IWC — International Whaling Commission — internationales Gremium zum Management der Walbestaende
- Sea Shepherd — Direkte Aktionen gegen illegalen Walfang
3 DINGE, DIE SIE WAHRSCHEINLICH NICHT WISSEN
1. Sein Name geht auf einen Fauxpas zurueck. Der Legende nach soll ein norwegischer Matrose des 18. Jahrhunderts namens Meincke, Besatzungsmitglied eines Walfaengers, einen Zwergwal fuer einen Blauwal gehalten und den Fang lautstark gemeldet haben. Der Irrtum, von der Mannschaft als monumental erachtet, gab dem Tier seinen norwegischen Namen (minkehval) und anschliessend seinen internationalen — ein Spottname, der zum offiziellen Namen wurde.
2. Er gehoert zu den wenigen Bartenwalen, denen man schnorchelnd nahe kommen kann. An den Ribbon Reefs des Great Barrier Reefs naehern sich die Zwerg-Minkwale von sich aus den Schwimmern, manchmal auf weniger als zwei Meter, und bleiben Dutzende von Minuten. Dieses Verhalten aktiver Neugier — das Tier kommt zum Taucher — ist bei Bartenwalen aussergewoehnlich und macht diese Begegnung zu einer der bewegendsten der Meereswelt. Die Saison dauert nur wenige Wochen im Juni und Juli, und die Plaetze auf den Booten werden ein Jahr im Voraus gebucht.
3. Er kann wie ein Delfin aus dem Wasser springen. Trotz seiner 7-10 Tonnen ist der Zwergwal der akrobatischste der Furchenwale. Er ist zu vollstaendigen Breaches faehig — der gesamte Koerper ueber Wasser — mit einer Haeufigkeit, die unter den Grosswalen nur der Buckelwal erreicht. Ob diese Spruenge der Kommunikation, dem Abstreifen von Parasiten oder dem reinen Spiel dienen, weiss man bis heute nicht.
FOTO- UND VIDEOTIPPS
Der Zwergwal ist ein anspruchsvolles Motiv. Er ist schneller, unberechenbarer und kleiner als die anderen grossen Wale — was das Fotografieren zugleich schwieriger und lohnender macht.
An der Oberflaeche (Whale Watching). Das Tier taucht kurz und unangekuendigt auf. Ein moderates Tele (70-200 mm) ist der beste Kompromiss zwischen Reichweite und Reaktionsfaehigkeit. Serienbildmodus ist unverzichtbar: Blas und Rueckenfinne sind nur Sekunden lang sichtbar. Am Bug des Bootes auf der windabgewandten Seite positionieren und die Kamera staendig am Auge halten. Der Zwergwal taucht gern in derselben Zone wieder auf — den ersten Blas orten, den zweiten antizipieren.
Beim Schnorcheln (Great Barrier Reef). Weitwinkel zwingend erforderlich. Mit GoPro: Das native Blickfeld und die Stabilisierung genuegen, und 4K-Video liefert herausragende Ergebnisse. Mit Gehaeuse: Fisheye oder 14-16 mm geradlinig. Das Licht ist reichlich vorhanden (Tiefe 0-10 m, klares Tropenwasser), die natuerlichen Farben sind praechtiger — kein Blitz noetig. Die Schwierigkeit ist emotional, nicht technisch: Wenn ein 8-Meter-Wal einen aus zwei Metern Entfernung ansieht, muss man sich daran erinnern, den Ausloeser zu druecken.
Klassischer Fehler. Dem Wal hinterher schwimmen. Am Great Barrier Reef ist die Regel des passive in-water interaction strikt: Man geht ins Wasser, bleibt an der Oberflaeche, flosselt nicht auf das Tier zu. Der Zwergwal ist neugierig — bleibt man ruhig, kommt er. Verfolgt man ihn, verschwindet er. Geduld ist die beste Kameraeinstellung.



