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Riffkalmar

Sepioteuthis lessoniana

Er wechselt die Farbe schneller als ein Bildschirm: Das Riff hat seine eigene Lichtsprache.

Riffkalmar (Sepioteuthis lessoniana)

STECKBRIEF

KlassifikationOrdnung der Myopsida, Familie der Loliginidae
Wissenschaftlicher NameSepioteuthis lessoniana (Ferussac, 1831)
GroesseBis zu 38 cm Mantellänge (Gesamtlaenge mit Tentakeln: ~80 cm)
GewichtBis zu 1,8 kg
GeschwindigkeitBis zu 30 km/h im Rueckstossantrieb
Lebenserwartung6-9 Monate (selten ueber ein Jahr)
Tiefe1-100 m, am haeufigsten zwischen 3 und 30 m am Riff
ErnaehrungRaubtier — kleine Fische, Garnelen, Krebstiere, andere kleine Kopffuesser
IUCN-StatusUngenuegend bekannt (DD) — Populationen stabil, aber schlecht quantifiziert

PORTRÄT

Es gibt Tiere, die schwimmen, und andere, die schwimmend kommunizieren. Der Riffkalmar tut beides gleichzeitig. Man entdeckt ihn oft in Formation, einen Meter ueber dem Grund schwebend, die seitlichen Flossen in hypnotisch langsamer Wellenbewegung — dann laeuft ein Signal durch, eine Farbwelle fegt in Sekundenbruchteilen ueber den gesamten Koerper, und die Gruppe ordnet sich neu, ohne dass ein einziger Tentakel einen Artgenossen beruehrt hat. Was wie ein Tanz aussieht, ist in Wirklichkeit ein Gespraech.

Sepioteuthis lessoniana, der Grossflossen-Riffkalmar, ist einer der verbreitetsten Kopffuesser des Indopazifik. Sein Gattungsname — Sepioteuthis, woertlich "Sepien-Kalmar" — verraet sein Aussehen: Flossen in Fluegelform, die sich ueber nahezu die gesamte Mantellaenge erstrecken und ihm eher die gerundete Silhouette einer Sepia verleihen als das stromlinienfoermige Profil pelagischer Kalmare. Diese Flossen sind nicht nur aesthetisch: Sie ermoeglichen ein Schweben von bemerkenswerter Praezision — ein entscheidender Vorteil fuer einen Riffjaeger, der zwischen Korallen manoeverieren muss.

Fuer den Taucher ist die Begegnung ein Schauspiel fuer sich. Das Tier ist neugierig, oft tolerant, und seine Haut ist ein lebendiger Bildschirm. Tausende von Chromatophoren — pigmenthaltige Zellen, die direkt vom Nervensystem gesteuert werden — kontrahieren und dehnen sich permanent und erzeugen Farbwellen, die den Koerper wie Miniatur-Nordlichter durchlaufen. Braun, Weiss, Gold, Violett, gestreift, gefleckt, einfarbig: Ein einzelnes Individuum kann in wenigen Minuten ueber dreissig verschiedene Muster zeigen. Nichts Vergleichbares gibt es am Riff.

WIE MAN IHN ERKENNT

Der Riffkalmar unterscheidet sich von anderen Kalmaren durch seine aussergewoehnlich breiten Seitenflossen, die den Mantel auf 80-90 % seiner Laenge saeumen — daher sein englischer Name bigfin reef squid. Von vorn betrachtet ist die Silhouette nahezu rautenfoermig, ganz anders als der schmale Rumpf der Hochseekalmare.

Der Mantel ist glatt, leicht abgeflacht und traegt acht kurze Arme mit Saugnaepfen sowie zwei laengere, einziehbare Tentakel zum Beutefang. Die Augen sind gross, seitlich angeordnet und von einer feinen durchsichtigen Membran bedeckt — im Gegensatz zu den Oegopsida-Kalmaren, deren Augen direkt dem Meerwasser ausgesetzt sind.

Die Farbe taugt nicht zur Bestimmung, da das Tier sie staendig wechselt. Doch die Kombination aus Groesse (Mantellaenge 15-35 cm beim Erwachsenen), Flossenform und flachem Riffhabitat laesst kaum Zweifel. Jungtierer, durchscheinend und nur wenige Zentimeter lang, sind schwieriger zu entdecken — sie verschmelzen mit dem freien Wasser ueber dem Riff.

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LEBENSWEISE

Der Riffkalmar ist ein Gruppentier. Die Schwaerme zaehlen wenige bis mehrere Dutzend Individuen, haeufig in lockerer Formation ueber Korallensubstrat oder Seegraswiesen schwebend. Jedes Individuum haelt einen praezisen Abstand zu seinen Nachbarn — ein Abstand, der sich je nach Kontext zusammenzieht oder weitet, wie ein Fischschwarm mit eigener Sprache.

Und diese Sprache existiert. Die Haut des Riffkalmars ist ein vollwertiges Kommunikationsorgan. Seine Chromatophoren — elastische Pigmentsaeckchen, jedes umgeben von radialen Muskelfasern — kontrahieren oder dehnen sich auf direkten neuronalen Befehl, ohne den Umweg ueber das Hormonsystem. Das Ergebnis ist eine Geschwindigkeit des Farbwechsels ohne Parallele im Tierreich: weniger als 200 Millisekunden, um vom Perlmuttweiss zum Dunkelbraun am gesamten Koerper zu wechseln. Zusaetzlich verfuegt das Tier ueber Iridophoren (metallische Reflexe) und Leucophoren (diffuses Weiss), die seiner biochemischen Palette strukturelle Komponenten hinzufuegen.

Die Balz ist eines der faszinierendsten Schauspiele am Riff. Das Maennchen zeigt ein intensives Zebramuster auf der dem Weibchen zugewandten Koerperhaelfte — und ein anderes Muster, oft einfarbig und blass, auf der den rivalisierenden Maennchen zugewandten Seite. Diese Faehigkeit, zwei visuelle Botschaften gleichzeitig auszusenden, wird von Biologen als dual signaling beschrieben: Der Kalmar wirbt auf der einen und schreckt auf der anderen Seite ab — im selben Augenblick. Die Paarung ist kurz. Das Maennchen uebertraegt einen Spermatophor in die Mundhoehle des Weibchens, das anschliessend seine Eier einzeln befruchtet und unter Korallen, Felsueberhängen oder kuenstlichen Strukturen ablegt. Die laenglichen, weisslichen Eikapseln sind in Trauben angeordnet — ein haeufiger Anblick bei Nachttauchgaengen.

Die Fortbewegung stuetzt sich auf zwei Systeme. Fuer langsame Bewegung und Schweben ondulieren die seitlichen Flossen in Serie und bieten bemerkenswerte Wendigkeit — der Kalmar kann vorwaerts, rueckwaerts, aufwaerts, abwaerts und auf der Stelle drehen. Fuer Flucht oder schnelle Jagd uebernimmt der Rueckstossantrieb: Das Tier saugt Wasser in seine Mantelhoehle und stoesst es heftig durch den Sipho aus, einen muskuloesen, um 360 Grad schwenkbaren Trichter. Die Beschleunigung ist brutal — bis zu 30 km/h — und geht oft mit einer Tintenwolke einher, die als Koeder dient.

Die Art ist semelpar: Die Erwachsenen sterben nach der Fortpflanzung, in der Regel im Alter von sechs bis neun Monaten. Dieses kurze Leben erklaert ein Wachstum unter den schnellsten im Tierreich — ein Jungtier von wenigen Gramm erreicht die Erwachsenengroesse in drei bis vier Monaten, eine Wachstumsrate, die Sepioteuthis lessoniana zum Modellorganismus in der Meeresbiologie und experimentellen Aquakultur gemacht hat.

WO MAN IHN BEOBACHTEN KANN

Der Riffkalmar bewohnt den gesamten tropischen und subtropischen Indopazifik, von Japan bis Australien und vom Roten Meer bis Hawaii. Seine Vorliebe fuer flache Riffe, Seegraswiesen und Lagunen macht ihn zu einem der fuer Taucher zugaenglichsten Kopffuesser. Hier die Ziele mit den regelmaessigsten Begegnungen:

IndonesienLembeh-Strasse, Nord-Sulawesi. Die Lembeh-Strasse gehoert zu den besten Plaetzen weltweit, um das Verhalten der Riffkalmare zu beobachten: Balz, Eiablage, Jagd. Nachttauchgaenge auf Sandgrund sind dort besonders ergiebig. Bunaken in der Naehe und das Korallendreieck insgesamt (Raja Ampat, Komodo) bieten ebenfalls haeufige Begegnungen mit teils grossen Gruppen.

PhilippinenAnilao, Dauin und Moalboal. Die Muck-Diving-Plaetze der Visayas und Batangas sind ein aussergewoehnliches Terrain fuer Kopffuesser-Liebhaber. Riffkalmare sind dort ganzjaehrig anzutreffen, oft in dichten Gruppen ueber kuenstlichen Riffen oder Seegraswiesen. Daemmerungs- und Nachttauchgaenge in Anilao offenbaren regelmaessig Laichszenen.

Rotes Meer — Aegypten und Sudan. Die Riffe des Roten Meeres beherbergen eine residente Population von Sepioteuthis lessoniana. Man begegnet ihnen regelmaessig bei Ras Mohammed, in den Korallengaerten von Dahab und auf den flachen Riffplatten von Marsa Alam. Nachttauchgaenge, bei denen die Kalmare die von Lampen angelockten kleinen Fische jagen, sind besonders ergiebig.

Malediven — Zentrale Atolle. Die flachen Lagunen und Steilwaende der Malediven beherbergen residente Gruppen, die ganzjaehrig beobachtbar sind. Tauchgaenge am spaeten Nachmittag an den Hausriffen der Inselhotels bieten oft Nahbegegnungen mit Kalmarschwaermen auf der Jagd.

JapanOkinawa und Kerama-Inseln. Die Sepioteuthis lessoniana-Population Okinawas ist eine der am besten erforschten weltweit. Die flachen Tauchplaetze der Kerama-Inseln ermoeglichen von Januar bis Mai die Beobachtung der Fortpflanzung, mit sichtbaren Eiertrauben unter den Tischkorallen.

BEOBACHTUNGSKALENDER

ReisezielJFMAMJJASOND
Indonesien (Lembeh)
Philippinen (Anilao)
Rotes Meer (Aegypten)
Malediven (Zentrale Atolle)
Japan (Okinawa)
Australien (Great Barrier Reef)
Thailand (Similans/Andaman)

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NATURSCHUTZ

Sepioteuthis lessoniana wird auf der Roten Liste der IUCN als Ungenuegend bekannt (DD) eingestuft. Dieser Status bedeutet nicht, dass die Art ungefaehrdet ist — er spiegelt einen Mangel an Daten zur Populationsdynamik auf globaler Ebene wider. Der Riffkalmar wird in weiten Teilen seines Verbreitungsgebiets kommerziell befischt, insbesondere in Suedostasien, Japan und Australien, wo er einen signifikanten Anteil der Kuestenkalmar-Faenge ausmacht.

Die Bedrohungen sind real. Die Lichtfischerei (light fishing), die die Lichtanziehung der Kalmare ausnutzt, kann lokal einen intensiven Druck auf die Fortpflanzungspopulationen ausueben. Die Degradation der Korallenriffe und Seegraswiesen reduziert die Laich- und Aufzuchtgebiete. Kuestenverschmutzung und Erwaermung der Oberflaechengewaesser veraendern die Entwicklungsbedingungen der Eier, deren Inkubation stark temperaturabhaengig ist — ein Grad mehr kann die Schlupfzeit um mehrere Tage verkuerzen und die Larvenueberlebensrate veraendern.

Der sehr kurze Lebenszyklus der Art ist ein zweischneidiges Schwert: Er ermoeglicht eine schnelle Erneuerung der Populationen bei guenstigen Bedingungen, macht aber jede Generation anfaellig fuer Schocks — ein Jahr der Ueberfischung oder Lebensraumzerstoerung kann eine gesamte Kohorte ausloeschen, ohne dass eine vorherige Generation den Bestand wieder aufbauen koennte.

Der verantwortungsbewusste Taucher achtet darauf, die Eiertrauben nicht zu beruehren, fluechende Gruppen nicht zu verfolgen und die Beleuchtung bei Nachttauchgaengen zu maessigen — eine zu lange auf die Tiere gerichtete Lampe stoert die Jagd und die Balz.

Organisationen:

3 DINGE, DIE SIE WAHRSCHEINLICH NICHT WISSEN

1. Er sendet zwei Botschaften gleichzeitig. Waehrend der Balz projiziert das Maennchen ein flammendes Zebramuster auf die dem Weibchen zugewandte Koerperhaelfte — und ein blasses, einfarbiges Muster auf die den rivalisierenden Maennchen zugewandte Seite. Dieses dual signaling, dokumentiert von Forschern der Universitaet der Ryukyus auf Okinawa, ist das biologische Aequivalent zu zwei getrennten Gespraechen mit zwei Gegenuebern zur gleichen Zeit. Es beruht auf einer unabhaengigen neuronalen Steuerung der Chromatophoren jeder Koerperhaelfte — eine Leistung, die selbst Sepien, Meister der Tarnung, nicht mit derselben kontextuellen Finesse beherrschen.

2. Sein Gehirn ist — proportional — das groesste aller Wirbellosen. Das Verhaeltnis von Gehirn zu Koerper bei Sepioteuthis lessoniana uebertrifft das der meisten Fische und mancher Reptilien. Kopffuesser besitzen ein verteiltes Nervensystem — zwei Drittel ihrer Neuronen befinden sich in den Armen, nicht im Zentralgehirn — das ihnen eine bemerkenswerte Faehigkeit zu Lernen, raeumlicher Orientierung und Verhaltensanpassung verleiht. Im Labor haben Riffkalmare gezeigt, dass sie Labyrinthe loesen, ihre Jagdstrategie bei neuen Beutetieren modifizieren und Artgenossen individuell erkennen koennen.

3. Er lebt weniger als ein Jahr — und waechst schneller als fast alles andere. Ein Riffkalmar schluepft mit einer Mantellaenge von 7 mm. Sechs Monate spaeter misst er 30 cm, wiegt ueber ein Kilogramm, hat sich fortgepflanzt — und stirbt. Seine Wachstumsrate gehoert zu den hoechsten im Tierreich: Er konvertiert Nahrung mit einer Effizienz von 30-60 % in Koerpermasse, gegenueber 10-15 % bei einem vergleichbar grossen Fisch. Dieses Leben im Zeitraffer macht jeden Tauchgang zu einer Begegnung mit einem Individuum, das vor sechs Monaten noch nicht existierte und in sechs Monaten nicht mehr existieren wird.

FOTO- UND VIDEOTIPPS

Der Riffkalmar ist ein anspruchsvolles und lohnendes Motiv. Seine Toleranz gegenueber Annaeherung, seine relative Unbeweglichkeit im Schwebeflug und seine permanenten Farbwechsel machen ihn technisch zugaenglich — solange man die Komfortdistanz nicht durchbricht.

Objektiv. Makro und Nahaufnahme fuer Hauttexturen und Chromatophoren: 60 mm oder 100 mm Makro. Fuer Gruppenszenen und Verhalten: 35-50 mm oder moderater Weitwinkel (24-35 mm geradlinig). Fisheye ist selten noetig — das Tier ist zu klein, um es zu fuellen. Mit GoPro begrenzt die minimale Scharfstelldistanz den Detailnutzen, doch 4K-Video eignet sich hervorragend, um die chromatischen Wellen in Bewegung einzufangen.

Licht. Die Chromatophoren reagieren auf Kunstlicht — das ist zugleich Vorteil und Falle. Dezente Beleuchtung (Videolampe mit niedriger Leistung, Diffusor) enthuellt die Farben, ohne das Verhalten zu veraendern. Direkter Frontalblitz loest oft eine Fluchtreaktion oder ein defensives Verblassen aus. Seitliche oder leicht versetzte Beleuchtung bevorzugen, die die Irideszenz hervorhebt, ohne das Tier zu blenden. Bei Nachttauchgaengen waehrend der Annaeherung die Lampe auf Rot filtern, dann fuer die Aufnahme auf Weiss wechseln.

Annaeherung. Langsam, frontal oder leicht seitlich. Der Riffkalmar toleriert die Anwesenheit eines unbeweglichen Tauchers auf 1-2 Meter, bisweilen weniger. Der Schluessel ist Stillhalten: Jede abrupte Bewegung loest den Rueckzug der gesamten Gruppe aus. Blasen langsam abatmen. Sich auf den Boden setzen (sofern sandig und ohne Korallen) und warten: Neugierige Kalmare kehren oft von selbst zurueck.

Klassischer Fehler. Einen einfarbigen Kalmar fotografieren wollen. Die Haut wechselt staendig — gefaellt der momentane Farbton nicht, genuegt es, zehn Sekunden zu warten. Zebramuster der Balz, chromatische Wellen und irisierende Reflexe sind die Bilder, die herausstechen. Geduld und Serienbildmodus sind die beiden Verbuendeten des Kopffuesser-Fotografen.

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