Gemeiner Krake
Octopus vulgaris
Drei Herzen, blaues Blut und neun Gehirne: Der intelligenteste Weichtier des Ozeans passt in eine geschlossene Faust — und entkommt ihr.

STECKBRIEF
| Klassifikation | Ordnung der Octopoda, Familie der Octopodidae |
| Wissenschaftlicher Name | Octopus vulgaris (Cuvier, 1797) |
| Groesse | Bis zu 1,3 m Armspannweite (Mantel: 15-25 cm) |
| Gewicht | Bis zu 10 kg (meist 3-5 kg im Erwachsenenalter) |
| Geschwindigkeit | Bis zu 40 km/h im Sprint, durch Rueckstossantrieb ueber den Siphon — im Alltag langsames Kriechen |
| Lebenserwartung | Nur 1 bis 2 Jahre — einer der kuerzesten Lebenzyklen im Tierreich fuer ein Tier dieser Groesse |
| Tiefe | Oberflaeche bis 200 m, meist zwischen 0 und 30 m anzutreffen |
| Ernaehrung | Nachtaktiver Raeuber — Krabben, Muscheln, Schnecken, kleine Fische |
| IUCN-Status | Nicht gefaehrdet (LC) — eine der wenigen ikonischen Meeresarten in dieser Kategorie |
PORTRÄT
Es gibt keine Unterwasserbegegnung, die dieser hier gleicht. Man entdeckt eine formlose Masse auf dem Sand, sandfarben, mit der Textur eines Felsens — und dann bewegt sich etwas, ein Auge oeffnet sich, und der Stein entpuppt sich als Tier. Octopus vulgaris ist ein derart vollendeter Meister der Tarnung, dass die meisten Taucher an ihm vorbeischwimmen, ohne ihn zu bemerken — selbst jene, die gezielt nach ihm suchen.
Der Gemeine Krake ist ein Weichtier — ein Verwandter der Wellhornschnecke und der Auster, was beim ersten Mal immer ueberrascht. Nichts an seiner Anatomie verraet diese Verwandtschaft: Drei Herzen pumpen blaues Blut, das reich an Haemocyanin statt an Haemoglobin ist, und sein Nervensystem zaehlt rund 500 Millionen Neuronen, verteilt auf ein zentrales Gehirn und acht Nervenknoten — einen in jedem Arm. Jeder Arm kann schmecken, tasten und nahezu autonom reagieren, sogar noch einige Sekunden nach dem Abtrennen.
Diese Intelligenz ist kein Marketingargument fuer Naturdokumentationen. Sie wird seit Jahrzehnten im Labor gemessen: Oeffnen verschraubter Glaeser von innen, Loesen von Labyrinthen, individuelle Erkennung menschlicher Gesichter, Werkzeuggebrauch. Die Dokumentation Mein Lehrer, der Krake (My Octopus Teacher), gedreht mit einem wilden Gemeinen Kraken vor der Kueste Suedafrikas und 2021 mit dem Oscar fuer den besten Dokumentarfilm ausgezeichnet, hat diese Intelligenz einem breiten Publikum zugaenglich gemacht — auf die Gefahr hin zu vergessen, dass die Forschung sie laengst vorher belegt hatte. Und doch ist sein Leben ebenso kurz wie intensiv: ein bis zwei Jahre, nicht mehr. Der Krake waechst schnell, pflanzt sich ein einziges Mal fort und stirbt — die Maennchen kurz nach der Paarung, die Weibchen nach dem Schluepfen der Eier, die sie ohne Nahrungsaufnahme bewacht haben. Diese Strategie, Semelparitaet genannt, ist bei einem so grossen und kognitiv komplexen Tier aeusserst selten.
WIE MAN IHN ERKENNT
Der Gemeine Krake hat einen weichen Koerper, ohne inneres Skelett und ohne Schale, was eine einfache und fuer jeden Taucher einpraegsame Regel ergibt: Er schluepft durch jede Oeffnung, die groesser ist als sein Schnabel — der einzige starre Teil seines Koerpers. Ein Spalt von wenigen Zentimetern genuegt, um ein mehrere Kilogramm schweres Tier verschwinden zu lassen.
Acht ungefaehr gleich lange Arme umgeben einen zentralen Mund mit einem hornigen Schnabel, der dem eines Papageis aehnelt. Jeder Arm traegt zwei Reihen von Saugnaepfen — ein Merkmal, das ihn von verwandten Arten mit nur einer Reihe unterscheidet. Die Haut, bedeckt mit kleinen Erhoehungen, den sogenannten Papillen, kann sich in Sekundenbruchteilen aufstellen, um die Textur einer Alge, einer Koralle oder eines bewachsenen Felsens nachzuahmen.
Am meisten beeindruckt die Farbe. Dank pigmenttragender Zellen — den Chromatophoren, ergaenzt durch Iridophoren und Leukophoren — wechselt der Gemeine Krake in Sekundenbruchteilen von Rotbraun zu Cremeweiss, von gefleckt zu gestreift, ohne bewusst ueber den Farbton des Untergrunds nachzudenken: Das System ist weitgehend reflexgesteuert, angetrieben von der Haut selbst, die ueber eigene Photorezeptoren verfuegt.
Zwei Merkmale verraten ihn auch im Ruhezustand: seine waagerechte, fast rechteckige Pupille und der Haufen leerer Krabben- und Muschelschalen vor seinem Versteck — ein sogenanntes "Midden", ein untrugliches Zeichen fuer die Anwesenheit des Tieres, selbst wenn es sich im Inneren verborgen haelt.
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LEBENSWEISE
Der Gemeine Krake ist ein Einzelgaenger, standorttreu und ueberwiegend nachtaktiv. Er bewohnt ein Versteck — eine Felsspalte, eine Tonscherbe, einen ausrangierten Reifen — das er verteidigt und tagsueber selten verlaesst, ausser zur Jagd in der Morgen- oder Abenddaemmerung. Er jagt nach Sicht und Tastsinn und erkundet die Winkel des Riffs mit seinen Armen, die mit Chemorezeptoren bedeckt sind und "schmecken" koennen, was sie beruehren.
Der Werkzeuggebrauch ist bei mehreren Krakenarten dokumentiert, darunter auch beim Gemeinen Kraken: Verbarrikadieren des Eingangs mit gezielt ausgewaehlten Steinen, Aufschichten von Muscheln als Verteidigungswall. Der beruehmteste Fall ist eine verwandte Art, der Kokosnusskrake (Amphioctopus marginatus), der dabei beobachtet wurde, wie er halbe Kokosnussschalen transportierte, um sich daraus einen tragbaren Unterschlupf zu bauen — ein Verhalten, das als einer der am besten belegten Faelle von Werkzeuggebrauch bei einem wirbellosen Tier gilt.
Die Fortpflanzung erfolgt durch die Uebertragung von Spermatophoren ueber einen spezialisierten Arm, den Hectocotylus, oft aus sicherer Entfernung — manche Maennchen vermeiden bewusst engen Kontakt mit einem deutlich groesseren Weibchen, aus Vorsicht vor dem bei mehreren Kopffuesserarten dokumentierten Kannibalismus nach der Paarung. Das Weibchen legt anschliessend mehrere Zehntausend Eier in Trauben an die Decke seines Verstecks, belueftet und reinigt sie ununterbrochen ueber mehrere Wochen, ohne Nahrung aufzunehmen — ein totales Fasten, das seinen Tod kurz nach dem Schluepfen beschleunigt.
Bei Gefahr verfuegt das Tier ueber ein Arsenal: Flucht durch Rueckstossantrieb, indem es Wasser aus seiner Mantelhoeehle presst, Ausstoss einer Tintenwolke, die das Sichtfeld und den Geruchssinn des Raeubers trueben, Autotomie eines Arms, der sich weiterkruemmt, um die Aufmerksamkeit abzulenken, und als letzten Ausweg vollstaendige Tarnung, regungslos, bis es selbst aus dem Blickfeld des aufmerksamsten Tauchers verschwindet.
WO MAN IHN BEOBACHTEN KANN
Der Gemeine Krake gehoert zu den am weitesten verbreiteten Kopffuessern der Welt, praesent in den gemaessigten und tropischen Gewaessern des Atlantiks, des Mittelmeers und eines grossen Teils des Indopazifiks. Er erfordert keine aussergewoehnlichen Tauchplaetze: Er ist ein Stammgast bei Nachttauchgaengen, bei denen sich seine spektakulaerste Form — aktive Jagd, permanente Farbwechsel — am besten zeigt.
Mittelmeer — Frankreich, Kroatien, Griechenland. Das Mittelmeer bleibt eines der besten Reviere, um ihn ohne weite Reise zu beobachten. An der Cote d'Azur, auf Korsika oder in den Calanques bieten Nachttauchgaenge ueber Felsgrund und Posidonia-Seegraswiesen regelmaessige Begegnungen, besonders im Spaetsommer, wenn das Wasser am waermsten ist. In Kroatien (Kornaten, Vis) und Griechenland (Kykladen, Ionisches Meer) beherbergen flache Felssteilwaende eine hohe Dichte an Verstecken, erkennbar an den Schalenhaufen.
Rotes Meer — Aegypten. Ganzjaehrig an den flachen Riffen praesent, trifft der Gemeine Krake hier auf eine breitere Kopffuesser-Fauna, darunter die Pharaosepia. Nachttauchgaenge an den geschuetzten Riffen von Hurghada, Marsa Alam oder dem suedlichen Sinai bieten gute Begegnungsraten, oft mitten in der Jagdaktivitaet.
Karibik. Bonaire, Cozumel und die Kleinen Antillen zaehlen zu den besten Zielen, um ihn nachts auf flachen Sand- und Riffgruenden zu beobachten, wo sein lokaler Verwandter, der Karibikkrake (Octopus briareus), visuell sehr aehnlich, oft dieselben Verstecke teilt.
Indonesien — Lembeh-Strasse. Welthauptstadt des Makrotauchens — Lembeh beherbergt den Gemeinen Kraken neben deutlich selteneren und spektakulaereren Arten: dem Mimikkraken, der die Silhouette von rund fuenfzehn verschiedenen Arten nachahmen kann, und dem Blaugeringelten Kraken, winzig und giftig, erkennbar an seinen fluoreszierenden Ringen, die aufleuchten, wenn er sich bedroht fuehlt. Der dunkle vulkanische Boden der geschuetzten Meerenge macht diese Begegnungen ganzjaehrig moeglich, unabhaengig vom Monsun.
Philippinen — Anilao. Ein weiterer Hotspot des "Muck Diving" — Anilao bietet eine mit Lembeh vergleichbare Kopffuesserdichte, mit einer deutlichen Praeferenz fuer die Trockenzeit (Oktober bis Mai), wenn das Meer am ruhigsten und die Sicht am stabilsten ist.
BEOBACHTUNGSKALENDER
| Reiseziel | J | F | M | A | M | J | J | A | S | O | N | D |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Mittelmeer (Frankreich) | ||||||||||||
| Mittelmeer (Kroatien/Griechenland) | ||||||||||||
| Rotes Meer (Aegypten) | ||||||||||||
| Karibik (Bonaire/Cozumel) | ||||||||||||
| Indonesien (Lembeh) | ||||||||||||
| Philippinen (Anilao) |
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Im Gegensatz zu den grossen pelagischen Wanderern folgt der Gemeine Krake keiner saisonalen Migration: Er ist an den meisten dieser Standorte ganzjaehrig praesent. Die Abstufungen in der Tabelle spiegeln vor allem die Tauchfenster wider — Sicht, Wassertemperatur fuer die langen Nachttauchgaenge, Seebedingungen — und nicht ein Wanderverhalten der Art.
NATURSCHUTZ
Octopus vulgaris wird auf der Roten Liste der IUCN als Nicht gefaehrdet (LC) gefuehrt — ein seltener und kostbarer Status unter den ikonischen Meeresarten. Seine weite geographische Verbreitung, seine hohe Fruchtbarkeit (Zehntausende Eier pro Gelege) und sein sehr kurzer Lebenszyklus, der eine rasche Erneuerung der Populationen ermoeglicht, erklaeren diese relative Widerstandsfaehigkeit gegenueber der Fischerei.
Die Art wird dennoch intensiv befischt: Sie ist einer der am staerksten befischten Kopffuesser weltweit, fuer den menschlichen Verzehr, mit Methoden von der traditionellen Reuse bis zum Schleppnetz. In mehreren Laendern werden Projekte zur Aquakultur des Gemeinen Kraken entwickelt — eine Perspektive, die angesichts der nachgewiesenen kognitiven Komplexitaet der Art eine wachsende ethische Debatte ausloest. Mehrere Laender und die Europaeische Union haben in den letzten Jahren den gesetzlichen Schutz von Kopffuessern in Forschung und Zucht verstaerkt, in Anerkennung ihrer Faehigkeit, Schmerz zu empfinden.
Der verantwortungsvolle Taucher holt niemals einen Kraken aus seinem Versteck fuer ein Foto, manipuliert ihn nicht und vermeidet jeden Kontakt, der seine Jagd stoeren oder ihn waehrend seiner Abwesenheit vom Unterschlupf einem Raeuber aussetzen koennte. Eine zu starke oder zu lange gehaltene Stirnlampe kann genuegen, um eine naechtliche Jagd zu unterbrechen.
Organisationen zum Verfolgen:
- The Cephalopod Page — wissenschaftliche Referenzquelle zur Biologie der Kopffuesser
- CephRes — Association for Cephalopod Research — Forschung und Aufklaerung zu allen Kopffuessern
- Compassion in World Farming — internationale Kampagne gegen die industrielle Krakenzucht
3 DINGE, DIE SIE WAHRSCHEINLICH NICHT WISSEN
1. Er hat neun Gehirne, nicht eines. Ein zentrales Gehirn umgibt die Speiseroehre des Tieres, doch etwa zwei Drittel seiner Neuronen befinden sich anderswo — verteilt auf acht Nervenknoten, einen pro Arm. Jeder Arm kann daher erkunden, reagieren und sogar weitgehend autonom "entscheiden", ohne auf eine Anweisung des Zentralgehirns zu warten. Deshalb kann ein Krake gleichzeitig in zwei verschiedene Richtungen mit zwei verschiedenen Armen jagen.
2. Sein Blut ist blau — und das hat einen guten Grund. Der Gemeine Krake transportiert seinen Sauerstoff mithilfe von Haemocyanin, einem Protein auf Kupferbasis statt auf Eisenbasis, das dem Blut im sauerstoffreichen Zustand einen blauen Farbton verleiht. Dieses Molekuel funktioniert besser als Haemoglobin in kaltem, sauerstoffarmem Wasser, transportiert Sauerstoff jedoch bei hoeheren Temperaturen weniger effizient — einer der Gruende, warum die Art in sich erwaermenden Gewaessern Anzeichen von physiologischem Stress zeigt.
3. "Octopus vulgaris" ist moeglicherweise nicht eine einzige Art. Genetische Studien seit den 2010er Jahren legen nahe, dass das, was wir Octopus vulgaris nennen, in Wirklichkeit ein Komplex aus mehreren verschiedenen, aber mit blossem Auge kaum unterscheidbaren Arten ist, verteilt auf das Mittelmeer, den Atlantik und bestimmte indopazifische Gebiete. Die offizielle Taxonomie hat noch nicht entschieden — was bedeutet, dass der Krake, dem man vor Marseille begegnet, und jener in der Karibik wissenschaftlich moeglicherweise bereits nicht mehr ganz dasselbe Tier sind.
FOTO- UND VIDEOTIPPS
Der Gemeine Krake ist ein anspruchsvolles Motiv: klein, oft regungslos oder halb versteckt, aber faehig zu einem der fotogensten Schauspiele der Unterwasserwelt, wenn er vor den Augen des Tauchers Textur und Farbe wechselt.
Objektiv. Makro ist Pflicht: 60 mm oder 100 mm im Spiegelreflex-/Systemkameragehaeuse, oder Makro-Nahaufnahmemodus bei Kompaktkameras. Das Motiv ist klein, und die Tarnung macht praezises Framing unverzichtbar — ein enger, scharfer Ausschnitt ist besser als eine unscharfe Totale eines Tieres, das mit dem Hintergrund verschmilzt.
Licht. Ein Rotlicht oder schwaches Licht waehrend der Annaeherung verhindert die Flucht des Tieres beim Nachttauchen — Kraken nehmen Rot schlecht wahr, im Gegensatz zu vielen Fischen. Erst im Moment der Aufnahme auf Blitz oder weisses Licht umschalten, nie vorher, um eine laufende Jagd nicht zu stoeren.
Annaeherung. Ruhig bleiben, in angemessenem Abstand, und das Tier seine Aktivitaet fortsetzen lassen. Ein Krake, der sich beobachtet fuehlt, wechselt die Farbe als Zeichen seines Unbehagens — gleichmaessig weissliches Muster oder ploetzliches Aufstellen der Haut — und das ist das Signal zurueckzuweichen. Die schoensten Sequenzen entstehen, wenn man das Tier normal jagen laesst, ohne jemals den Eingang seines Verstecks zu blockieren.
Klassischer Fehler. Beruehren oder versuchen, einen Kraken aus seinem Versteck zu locken fuer "das perfekte Foto". Das Tier kann sich nicht nur verletzen, wenn es sich in einen zu engen Raum zurueckzieht, sondern der verursachte Stress beeintraechtigt seine Jagdfaehigkeit in den folgenden Stunden. Das beste Krakenfoto ist fast immer jenes, das aufgenommen wurde, ohne dass er bis zum letzten Moment wusste, dass er beobachtet wird.



