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Rosaflamingo

Phoenicopterus roseus

Der meistfotografierte Vogel tropischer Lagunen verdankt seine Farbe dem, was er frisst — und kommt weiss zur Welt.

Rosaflamingo (Phoenicopterus roseus)

STECKBRIEF

KlassifikationOrdnung der Phoenicopteriformes, Familie der Phoenicopteridae
Wissenschaftlicher NamePhoenicopterus roseus (Pallas, 1811)
Groesse1,10-1,50 m stehend, Flugelspannweite 1,40-1,70 m
Gewicht2-4 kg
Geschwindigkeit50-60 km/h im Flug
Lebenserwartung20-30 Jahre in Freiheit, bis zu 80 Jahre in Gefangenschaft
TiefeFlache Gewaesser (10-50 cm) — Lagunen, Salzseen, Kuestensuempfe
ErnaehrungFiltrierer — Artemia, Garnelen, Algen, Insektenlarven, Diatomeen
IUCN-StatusNicht gefaehrdet (LC)

PORTRÄT

Der Rosaflamingo gehoert zu jenen Arten, die man zu kennen glaubt, ohne sie je wirklich betrachtet zu haben. Postkartenvogel, Gartendeko-Silhouette, Badeanzugmuster — und dennoch ein aussergewoehnliches Tier. Ein Filtrierer, der auf einem Bein im Brackwasser steht, den Schnabel auf dem Kopf, die Schlickschicht durchpumpend, um fuer das blosse Auge unsichtbare Kleinkrebse herauszufiltern. Ein Zugvogel, der nachts ueber das Mittelmeer fliegt. Ein Elternteil, das sein Kueken mit roter "Kropfmilch" fuettert — einem Sekret, vergleichbar mit der Milch der Saeugetiere, das von der Schleimhaut der Speiseroehre produziert wird.

Sechs Flamingoarten gibt es weltweit. Der Rosaflamingo (Phoenicopterus roseus) ist der verbreitetste und der groesste — von der Camargue ueber die Salzseen Ostafrikas bis zum indischen Subkontinent und den Kuesten des Iran. Der Kubaflamingo (P. ruber), kleiner und von einem intensiveren, ins Rot tendierenden Rosa, ist die Symbolfigur der Bahamas, Kubas und Yukatans.

Fuer den reisenden Taucher ist der Flamingo ein unerwarteter Landbonus. Tropische Tauchreiseziele, die zugleich Flamingokolonien beherbergen, gibt es reichlich — Bonaire, Curacao, die Galapagosinseln, Yukatan — und die Begegnung bei Sonnenuntergang, zwischen zwei Tauchgaengen, ist eine Erinnerung, die es mit jedem Grossfisch aufnehmen kann.

WIE MAN IHN ERKENNT

Der Flamingo ist sofort erkennbar: langer S-foermiger Hals, endlos lange Beine, rosa Gefieder. Der Schnabel ist das Herzstuck des Tieres — auf halber Laenge nach unten gebogen, funktioniert er wie ein Filter. Der Vogel taucht den Kopf umgedreht ins Wasser und pumpt mit seiner Zunge (bis zu 20 Mal pro Sekunde), wobei Wasser und Schlamm durch Hornlamellen gepresst werden, die Mikroorganismen zurueckhalten.

Die rosa Farbe ist nicht angeboren. Die Kueken schluepfen grauweiss. Die Faerbung stammt von Carotinoiden — Pigmenten in den Artemien, Garnelen und Algen, von denen sich der Vogel ernaehrt. Je carotinoidreicher die Nahrung, desto intensiver das Gefieder. In Gefangenschaft verlieren Flamingos ohne Zusatzfutter ihre Farbe und werden weiss.

Im Flug entfaltet der Flamingo seine schwarzen und rosafarbenen Schwingen — ein spektakulaerer Kontrast, der im Ruhezustand unsichtbar bleibt. Der Hals ist nach vorne gestreckt (im Gegensatz zum Reiher, der ihn einzieht), und die Beine ragen hinter dem Schwanz hervor, laenger als dieser. Fliegende Gruppen bilden V-Formationen oder unregelmaessige Linien, und ihr rauer Ruf — ein nasales "ka-ha" — ist ueber mehrere Hundert Meter zu hoeren.

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LEBENSWEISE

Der Rosaflamingo ist ein extrem geselliger Vogel. Brutkolonien koennen von einigen Hundert bis zu ueber einer Million Individuen zaehlen — der Natronsee in Tansania beherbergt drei Viertel der Weltpopulation des Zwergflamingos (Phoeniconaias minor), also mehr als 2 Millionen Voegel.

Die Fortpflanzung ist innerhalb der Kolonie synchronisiert. Paare bilden sich nach spektakulaeren Gruppenbalzen — Hunderte Voegel, die im Gleichschritt marschieren, synchron die Koepfe drehen und die Fluegel entfalten. Das Nest ist ein Schlammhuegel von 30-40 cm, erbaut am Wasserrand oder in den Wattflaechen. Ein einziges Ei wird gelegt. Beide Eltern brueten 28-31 Tage lang, dann fuettern sie das Kueken mit "Kropfmilch" — einem fett- und proteinreichen Sekret, das durch dieselben Carotinoide rot gefaerbt ist, die das Gefieder faerben.

Die Kueken schliessen sich Gemeinschaftskindergaerten an (bis zu 30 000 Jungvoegel), die von einigen Erwachsenen beaufsichtigt werden, waehrend die Eltern auf Nahrungssuche gehen. Jedes Elternteil findet sein Kueken in der Menge anhand der Stimme — jedes Individuum besitzt einen einzigartigen Ruf, der im Laerm der Kolonie erkennbar ist.

Die Nahrungsaufnahme erfolgt in flachen, hypersalinen Gewaessern — Lebensraeumen, die so unwirtlich sind, dass nur wenige andere Arten sie nutzen. Der Flamingo besetzt eine oekologische Nische nahezu ohne Konkurrenz.

WO MAN IHN BEOBACHTEN KANN

Bonaire — Niederlaendische Karibik. Der Sueden von Bonaire beherbergt eine standorttreue Kolonie von Kubaflamingos (P. ruber) in intensivem Rosa. Die Salinen von Pekelmeer, von der Kuestenstrasse aus sichtbar, sind ein Schutzgebiet, in dem die Flamingos sich wenige Dutzend Meter von den Beobachtern entfernt ernaehren. Die Kombination aus Weltklasse-Tauchen und Flamingos bei Sonnenuntergang macht Bonaire zu einem einzigartigen Reiseziel.

Camargue — Frankreich. Das Rhonedelta ist der wichtigste Brutplatz des Rosaflamingos in Europa. Der Vogelpark Pont de Gau bietet ganzjaehrig Beobachtungen aus naechster Naehe. Die Kolonie am Etang du Fangassier empfaengt 10 000 bis 15 000 Brutpaare — die groesste in Europa.

GalapagosEcuador. Der Galapagos-Flamingo (eine Teilpopulation von P. ruber) ist einer der seltensten weltweit — etwa 500 Individuen. Beobachtet wird er in den Lagunen von Floreana, Isabela (Punta Moreno) und Rabida. Im Archipel ist diese Begegnung ebenso eindrucksvoll wie eine Riesenschildkroete.

Yukatan — Mexiko. Das Biosphaerenreservat Ria Lagartos und Celestun an der Nordkueste Yukatans beherbergen die groesste Kubaflamingo-Kolonie Mexikos — bis zu 40 000 Individuen in der Brutzeit. Bootsausfluege bei Sonnenaufgang von den Fischerdoerfern aus.

Nakurusee / Bogoriasee — Kenia. Die Seen des Ostafrikanischen Grabens beherbergen spektakulaere Konzentrationen von Zwergflamingos und Rosaflamingos — manchmal ueber eine Million Voegel, die den See in einen aus dem Weltall sichtbaren rosa Teppich verwandeln.

BEOBACHTUNGSKALENDER

ReisezielJFMAMJJASOND
Bonaire
Camargue (Frankreich)
Galapagos
Yukatan (Mexiko)
Kenia (Nakurusee)

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NATURSCHUTZ

Phoenicopterus roseus ist auf der Roten Liste der IUCN als Nicht gefaehrdet (LC) eingestuft. Die Weltpopulation wird auf 500 000-680 000 erwachsene Individuen geschaetzt, mit einer stabilen bis leicht wachsenden Tendenz im Mittelmeerraum (dank des Schutzes der Brutplaetze) und schwankenden Zahlen in Afrika.

Die Bedrohungen betreffen die Lebensraeume. Salzhaltige Feuchtgebiete — Salinen, Lagunen, alkalische Seen — gehoeren zu den am staerksten bedrohten Oekosystemen der Welt: Urbanisierung, industrielle Salzgewinnung, Umleitung von Fluessen und chemische Verschmutzung verringern die verfuegbaren Flaechen. Der Natronsee in Tansania, der 75 % der weltweiten Brut des Zwergflamingos beherbergt, wird regelmaessig durch Industrieprojekte (Sodafabrik, Bergbau) bedroht.

Stoerungen waehrend der Brutzeit sind kritisch. Eine menschliche Stoerung (Hubschrauberueberflug, zu nahes Herangehen) kann die gleichzeitige Aufgabe Tausender Nester ausloesen — eine Katastrophe fuer eine Art, die nur ein Ei pro Jahr legt.

Organisationen zum Unterstuetzen:

3 DINGE, DIE SIE WAHRSCHEINLICH NICHT WISSEN

1. Er produziert "Milch" — wie ein Saeugetier. Der Flamingo, Maennchen wie Weibchen, fuettert sein Kueken mit einem Sekret des Kropfes, der sogenannten "Kropfmilch" (crop milk). Diese rote Fluessigkeit, reich an Fetten (5-15 %) und Proteinen, ist vergleichbar mit der Muttermilch der Saeugetiere. Nur drei Vogelgruppen weltweit produzieren dieses Sekret: Flamingos, Tauben und Kaiserpinguine. Die Eltern verlieren ihre rosa Farbe waehrend der Fuetterung des Kuekens — die Carotinoide wandern vom Gefieder in die Milch.

2. Er steht (und frisst) auf einem Bein, um Energie zu sparen. Der Einbeinstand ist weder eine Gleichgewichtsuebung noch eine Komfortposition — es ist Thermoregulation. Indem er ein Bein an den Koerper faltet, halbiert der Flamingo die der kalten Lagunenflaeche ausgesetzte Hautoberflaeche und spart bis zu 16 % seiner Koerperwaerme. Das Standbein verriegelt sich passiv durch einen Sehnenmechanismus — der Vogel verbraucht keinerlei Muskelenergie, um stehen zu bleiben.

3. Seine Farbe ist ein Fitnesssignal. Die rosafarbigsten Flamingos sind nicht einfach die bestgenaehrten — sie sind die konkurrenzfaehigsten. Forschungen haben gezeigt, dass Individuen mit dem intensivsten Gefieder schneller fressen, die besten Positionen in der Kolonie einnehmen und sich frueher fortpflanzen. Manche Flamingos tragen sogar Carotinoide als "Make-up" auf ihr Gefieder auf — sie reiben den Schnabel an der (pigmentbeladenen) Buerzeldruese und glaetten dann ihre Federn, um die Farbe vor der Brutsaison zu intensivieren.

FOTO- UND VIDEOTIPPS

Der Flamingo ist ein Land- (oder Lagunen-)motiv, aber fuer den reisenden Taucher ein fotografischer Bonus erster Guete.

Objektiv. Teleobjektiv 100-400 mm — der Beobachtungsabstand in Schutzgebieten erfordert erhebliche Vergroesserung. Ein 70-200 mm mit 1,4-fach-Konverter ist ein guter Reisekompromiss. Bei aktuellen Smartphones mit 5-fach optischem Zoom sind bei gutem Licht akzeptable Ergebnisse moeglich.

Licht. Der Flamingo zeigt sich am besten zu den goldenen Stunden — Sonnenaufgang und Sonnenuntergang. Das Rosa des Gefieders erstrahlt unter warmem Streiflicht. Mittags ueberblenden die Weisswerte und harte Schatten zerstoeren die Nuancen. Gegenlicht mit entfalteten Fluegeln im Flug schafft spektakulaere Silhouetten.

Bildaufbau. Die Masse ist das Motiv. Ein einzelner Flamingo ist schoen; tausend Flamingos sind eine Landschaft. Kompositionen suchen, die das Ausmass der Kolonie zeigen — Flamingoreihen bis zum Horizont, Spiegelungen im ruhigen Wasser, gleichzeitiger Aufflug Hunderter Voegel. Die Grossaufnahme des Kopfes (goldenes Auge, zweifarbiger Schnabel in Schwarz und Rosa) ist das andere Register.

Verhalten. Die Balz (synchron marschierende Gruppen) ist der Hoehepunkt — sie findet typischerweise am spaeten Nachmittag statt, in den Wochen vor der Brutzeit. Start und Landung (schleppende Beine, gestreckter Hals) sind die dynamischsten Sequenzen. Die umgekehrte Nahrungsaufnahme (gedrehter Schnabel im Wasser) ist die charakteristischste Geste.

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