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Eisbar

Ursus maritimus

Er ist kein Landraubtier, das schwimmen gelernt hat — er ist ein Meeressauger, der noch an Land geht.

Eisbar (Ursus maritimus)

STECKBRIEF

KlassifikationOrdnung der Raubtiere, Familie der Baren
Wissenschaftlicher NameUrsus maritimus (Phipps, 1774)
GrosseMannchen: 2,40 bis 2,60 m (Rekord: 3,39 m); Weibchen: 1,80 bis 2,10 m
GewichtMannchen: 350 bis 700 kg (Rekord: ~1 002 kg); Weibchen: 150 bis 300 kg
Geschwindigkeit~40 km/h an Land; ~10 km/h schwimmend
Lebenserwartung25 bis 30 Jahre in freier Wildbahn
TiefeSchwimmt an der Oberflache; taucht gelegentlich bis zu 3-6 m zum Jagen unter Eis
ErnahrungHauptsachlich Ringelrobben und Bartrobben; gelegentlich Walrosse, Seevogel, Kadaver von Walen
IUCN-StatusGefahrdet (VU) — Population rucklaufig, abhangig vom Meereis

PORTRAT

Es gibt keinen Tauchgang mit einem Eisbar. Aber es gibt kaum ein Tier, das enger mit dem Meer verbunden ist, ohne jemals mit Kiemen oder Flossen ausgestattet worden zu sein. Ursus maritimus — der Name sagt es: ein maritimer Bar. Die Wissenschaft klassifiziert ihn als Meeressauger, auf derselben regulatorischen Liste wie Wale und Robben, denn sein gesamter Lebenszyklus hangt vom Meer ab — genauer gesagt, vom Eis, das auf dem Meer liegt.

Der Eisbar ist das grosste an Land lebende Raubtier der Erde. Ein erwachsenes Mannchen ubersteigt regelmassig 500 kg und kann aufrecht stehend uber 3 Meter erreichen. Er ist doppelt so schwer wie ein sibirischer Tiger, dreimal so schwer wie ein Lowen-Mannchen. Und doch ist er ein hervorragender Schwimmer. Im Jahr 2011 zeichnete ein GPS-Sender auf einer Eisbar-Mutter eine ununterbrochene Schwimmstrecke von 687 km auf — neun Tage ohne Pause im eiskalten Wasser der Beaufortsee, um von einer Eisscholle zur nachsten zu gelangen. Ihr Junges uberlebte die Reise nicht.

Dieser letzte Satz fasst die Tragodie des Eisbaren zusammen. Das Tier ist nicht bedroht, weil es gejagt wird — die Jagd ist langst reguliert. Es ist bedroht, weil sein Lebensraum schmilzt. Das arktische Meereis, auf dem der Eisbar jagt, sich fortpflanzt, wandert und ruht, verliert seit 1979 etwa 13 % pro Jahrzehnt. Manche Klimamodelle prognostizieren ein weitgehend eisfreies arktisches Sommermeer ab den 2040er-Jahren. Fur ein Tier, das auf dem Eis lebt, ist das ein Todesurteil.

WIE MAN IHN ERKENNT

Der Eisbar lasst sich mit keinem anderen Tier verwechseln — in seiner arktischen Umgebung ist er das einzige grosse, weisse Raubtier.

Die Farbe. Das Fell erscheint weiss bis gelblich-weiss, kann aber im Sommer einen cremefarbenen bis leicht gelblichen Ton annehmen. Erstaunlicherweise sind die einzelnen Haare nicht weiss, sondern transparent und hohl — sie streuen das Licht, was den weissen Eindruck erzeugt. Die Haut darunter ist schwarz, was die Warmeabsorption fordert, wenn Sonnenlicht durch das Fell dringt.

Der Korper. Massig, stromlinienformig fur einen Baren: Der Hals ist langer als bei anderen Barenarten, der Kopf verhaltnismassig klein und langgestreckt, die Ohren kurz und rund (Warmeschutz). Die Vorderpranken sind breit und leicht gewolbt — naturliche Schwimmflossen von bis zu 30 cm Durchmesser, mit Schwimmhauten zwischen den Zehen.

Die Grosse. Ein erwachsenes Mannchen auf allen Vieren hat eine Schulterhohe von 1,40 bis 1,60 m — das ist die Hohe eines durchschnittlichen Schreibtisches. Aufrecht stehend uberragt es jeden Menschen deutlich. Die Weibchen sind etwa halb so schwer, aber immer noch grosser als jeder andere Bar ausser dem Kodiakbar.

Die Spuren. Auf dem Eis und am Strand hinterlasst der Eisbar Prankenabdrucke von bis zu 30 x 30 cm — grosser als ein DIN-A4-Blatt. Die Krallen sind kurz, kraftig und gebogen — Werkzeuge zum Greifen von Robben und zum Halten auf dem Eis, nicht zum Klettern.

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LEBENSWEISE

Das gesamte Leben des Eisbaren dreht sich um eine einzige Ressource: das Meereis. Es ist seine Jagdplattform, sein Wanderweg, sein Ruheplatz und der Ort, an dem er seine Beute findet.

Die Jagd. Der Eisbar jagt hauptsachlich Ringelrobben — die haufigste Robbenart der Arktis. Die bevorzugte Technik heisst still hunting: Der Bar liegt reglos neben einem Atemloch im Eis, manchmal stundenlang, und wartet, bis eine Robbe zum Atmen auftaucht. Dann schlgt er mit der Pranke zu — ein einzelner, blitzschneller Hieb, der die Robbe betaubt und aus dem Wasser hebt. Eine erwachsene Ringelrobbe liefert genug Fett fur eine Woche. Im Fruhling jagt er auch neugeborene Robben in ihren unter dem Schnee verborgenen Hohlen, die er mit seinem aussergewohnlichen Geruchssinn — er kann eine Robbe unter einem Meter Schnee und Eis in einer Entfernung von einem Kilometer riechen — aufspurt.

Das Fasten. Wenn das Meereis im Sommer schmilzt, verlieren die Eisbaren vieler Populationen ihre Jagdplattform und mussen an Land warten — manchmal vier bis funf Monate lang, praktisch ohne Nahrung. Sie leben dann von ihren Fettreserven, die im Winter aufgebaut wurden. Ein gut genahrter Eisbar kann bis zu 100 kg Fett tragen. Diese Fastenperiode wird durch den Klimawandel immer langer: Jede zusatzliche Woche ohne Eis bedeutet weniger Fett, schlechtere Kondition, niedrigere Uberlebensraten der Jungtiere.

Die Fortpflanzung. Die Paarung findet im April-Mai auf dem Eis statt. Die befruchtete Eizelle entwickelt sich jedoch erst ab Oktober weiter — eine Keimruhe (delayed implantation), die sicherstellt, dass die Jungtiere im tiefsten Winter geboren werden, wenn die Mutter in ihrer Schneehohle liegt. Die Mutter fastet wahrend der gesamten Hohlenzeit — etwa 180 bis 200 Tage, von Oktober bis Marz — und verliert bis zu 50 % ihres Korpergewichts. Die Wurfe umfassen ein bis drei (meist zwei) Jungtiere, die bei der Geburt nur 600 g wiegen und blind, taub und hilflos sind.

WO MAN IHN BEOBACHTEN KANN

Der Eisbar lebt rund um den Nordpol — in funf Anrainerstaaten (Norwegen, Russland, USA, Kanada, Danemark/Gronland). Die Beobachtung erfolgt von Expeditionsschiffen, Tundra-Fahrzeugen oder spezialisierten Lodges aus. Fur Taucher, die Polarexpeditionen schfitzen, gehort die Begegnung mit einem Eisbar auf dem Packeis zu den grossen Wildniserlebnissen.

Spitzbergen (Svalbard), Norwegen. Der zuganglichste und am besten regulierte Hotspot. Expeditionskreuzfahrten um den Archipel (Juni-August) bieten regelmasige Eisbar-Sichtungen, besonders an der Ost- und Nordkuste, wo das Packeis im Sommer driftet. Die Baren jagen auf dem Eis, wandern an den Kusten und durchstreifen die Gletscher-Vorfelder. Strenge Schutzbestimmungen des Sysselmannen regeln jeden Landgang — Distanzregeln, Waffen-Pflicht fur Guides ausserhalb der Siedlungen, Verbot der aktiven Annaherung.

Churchill, Kanada (Manitoba). Die "Eisbar-Hauptstadt der Welt". Jedes Jahr im Oktober-November versammeln sich Hunderte von Eisbaren an der Westkuste der Hudson Bay und warten auf das Zufrieren der Bucht, um die Robbenjagd aufzunehmen. Spezielle Tundra-Buggys ermoglichen die Beobachtung auf Augenhohe aus sicherer Distanz. Die Saison ist kurz (6-8 Wochen) und muss ein Jahr im Voraus gebucht werden.

Franz-Josef-Land, Russland. Dieser abgelegene Hocharktis-Archipel, 900 km nordlich des russischen Festlands, ist einer der wildesten Eisbar-Lebensraume. Expeditionsschiffe besuchen das Gebiet im Juli-August. Die Eisbardichte ist hoch, und die Tiere sind wenig an Menschen gewohnt. Der Zugang ist streng limitiert und von russischen Behorden genehmigungspflichtig.

Gronland. Der Nordosten (Nationalpark) und die Ostkuste beherbergen bedeutende Populationen, sind aber logistisch schwer zuganglich. Expeditionskreuzfahrten entlang der Scoresby-Sund-Region (August-September) bieten Sichtungschancen in einer Landschaft aus Eisbergen und Fjorden. Westgronland (Ilulissat, Disko-Bucht) bietet gelegentliche Sichtungen, ist aber hauptsachlich fur Eisberge und Buckelwale bekannt.

BEOBACHTUNGSKALENDER

ReisezielJFMAMJJASOND
Spitzbergen (Svalbard)
Churchill (Kanada)
Franz-Josef-Land (Russland)
Gronland (Ostkuste)

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NATURSCHUTZ

Ursus maritimus ist auf der Roten Liste der IUCN als Gefahrdet (VU) eingestuft. Die weltweite Population wird auf 22 000 bis 31 000 Individuen geschatzt, verteilt auf 19 Subpopulationen rund um die Arktis.

Die existenzielle Bedrohung ist der Klimawandel — und genauer der Ruckgang des arktischen Meereises. Die Arktis erwarmt sich zwei- bis dreimal schneller als der globale Durchschnitt. Die Sommereisflache hat seit 1979 um etwa 40 % abgenommen. Fur den Eisbar bedeutet jeder Tag weniger Eis einen Tag weniger Jagd: Die Robben, die seine Hauptnahrung sind, werden auf dem Eis gefangen. Kein Eis, keine Robben, kein Uberleben.

Die Auswirkungen sind bereits messbar. In der Westlichen Hudson Bay (Kanada) ist die Population seit den 1980er-Jahren um rund 30 % zuruckgegangen. Die Tiere sind im Durchschnitt leichter, die Wurfgrossen kleiner, die Uberlebensrate der Jungtiere niedriger. Die Mutter, die 687 km schwimmen musste und dabei ihr Junges verlor, ist kein Einzelfall — sie ist die neue Normalitat in einer Arktis, deren Eiskante immer weiter vom Festland zuruck weicht.

Die Jagd ist seit dem Internationalen Abkommen zur Erhaltung der Eisbaren von 1973 streng reguliert. Subsistenzjagd durch Inuit-Gemeinschaften ist in Kanada und Gronland legal und cultural verwurzelt. Die Quoten sind konservativ und stellen derzeit keine Bedrohung fur die Gesamtpopulation dar. Die eigentliche Frage ist, ob ein Tier, das auf dem Eis lebt, eine Welt uberleben kann, in der das Eis verschwindet.

Organisationen, die man unterstutzen kann:

3 DINGE, DIE SIE WAHRSCHEINLICH NICHT WISSEN

1. Sein Fell ist nicht weiss — seine Haare sind transparent. Jedes einzelne Haar eines Eisbaren ist hohl und farblos. Es enthalt kein weisses Pigment. Der weisse Eindruck entsteht durch die Streuung des Lichts in der hohlen Struktur — dasselbe Prinzip, das Schnee weiss erscheinen lasst. Die Haut darunter ist tiefschwarz, was die Absorption der Infrarotstrahlung der Sonne optimiert. Im Zoo konnen Eisbaren unter bestimmten Bedingungen grunlich erscheinen — wenn Algen in den hohlen Haaren wachsen. In der Arktis verhindert die Kalte dieses Phanomen.

2. Eine Eisbar-Mutter hat 687 km am Stuck geschwommen — ohne Pause. Im Jahr 2011 zeichnete ein GPS-Halsband des United States Geological Survey eine Schwimmstrecke auf, die neun Tage dauerte und 687 km uberbrickte — im eiskalten Wasser der Beaufortsee, ohne Rast, ohne Nahrung, bei einer Wassertemperatur von 2 bis 6 Grad Celsius. Die Mutter war auf der Suche nach Packeis, das sich vom Festland zuruckgezogen hatte. Sie uberlebte, verlor aber wahrend der Reise ihr Junges und anschliessend 22 % ihres Korpergewichts. Dieser Rekord illustriert die physische Leistungsfahigkeit des Eisbaren — und die Krise, die ihn zu solchen Extremen zwingt.

3. Er wird offiziell als Meeressauger klassifiziert. Obwohl er wie ein Bar aussieht, lauft und brummt, steht Ursus maritimus in den USA seit 1972 unter dem Marine Mammal Protection Act — auf derselben rechtlichen Stufe wie Wale, Delfine und Robben. Der Grund: Sein gesamter Lebenszyklus ist vom Meer abhangig. Er jagt auf dem Meereis, schwimmt Hunderte von Kilometern zwischen Eisschollen, fisst Meerestiere, und selbst seine Fortpflanzung ist ans Eis gebunden — die Weibchen graben ihre Gebarshohlen bevorzugt auf Inseln nahe der Packeiskante. Er ist der einzige Bar und eines der wenigen Landsaugetiere, dem dieser Status zuerkannt wird.

FOTO- UND VIDEOTIPPS

Der Eisbar wird nicht unter Wasser fotografiert — sondern auf dem Eis, vom Schiffsdeck, vom Schlauchboot oder aus dem Tundra-Buggy. Die Herausforderungen sind die der arktischen Fotografie: extremes Licht, grosse Distanzen, Kalte.

Objektiv. Ein Teleobjektiv 100-400 mm (oder 200-600 mm) ist das Hauptwerkzeug. Die Sicherheitsdistanz zu Eisbaren betragt mindestens 30 Meter (Svalbard-Regelung); oft beobachtet man aus 50-100 Metern. Ein 600 mm auf einem Stativ oder Einbeinstativ liefert die klassischen Portrats — Gesicht, Pranken, Fell-Textur im Detail. Fur Umgebungsbilder (Bar auf Eisscholle, Bar vor Gletscher) ein 70-200 mm oder 24-70 mm.

Licht. Das arktische Sommerlicht ist 24 Stunden verfugbar — die Sonne geht uber dem 80. Breitengrad von Juni bis August nicht unter. Das flache, goldene Licht der "Nacht"-Stunden (22 bis 4 Uhr Ortszeit) ist das schonste: weiche Schatten, warme Tone auf dem weissen Fell, lange Kontraste auf dem Eis. Fur die Belichtung gilt dasselbe wie beim Kaiserpinguin: Schnee und Eis tauschen die Kamera — um +1 bis +1,5 EV uberbelichten.

Kalte. Auf Svalbard im Juli selten unter 0 Grad Celsius, aber der Wind-Chill-Faktor auf dem Schlauchboot kann -15 Grad Celsius erreichen. Batterien am Korper tragen, Kamera beim Wechsel in aufgewarmte Innenraume in einem Plastikbeutel langsam aufwarmen lassen (Kondenswasser-Vermeidung). Touchscreens funktionieren nicht mit Handschuhen — Kameras mit physischen Bedienelementen bevorzugen.

Klassischer Fehler. Den Baren nur als weissen Fleck in weisser Landschaft fotografieren. Das ist das Erstlings-Bild: majestatisch, aber langweilig. Die starksten Bilder zeigen ein Verhalten — den Moment der Jagd am Atemloch, eine Mutter mit Jungen, einen Bar, der den Kopf ins Wasser taucht, ein Mannchen, das ein Walross-Kadaver-Stuck uber das Eis zerrt. Geduld ist der Schlussel: Stundenlang passiert nichts, und dann, in dreissig Sekunden, passiert alles.

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