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Napoleonfisch

Cheilinus undulatus

Der grosste Lippfisch des Riffs schaut dem Taucher direkt in die Augen — und kommt wieder.

Napoleonfisch (Cheilinus undulatus)

STECKBRIEF

KlassifikationOrdnung der Barschartigen, Familie der Lippfische
Wissenschaftlicher NameCheilinus undulatus (Ruppell, 1835)
Weitere NamenNapoleonfisch, Riesenlippfisch, humphead wrasse, Maori wrasse
GrosseBis zu 2,30 m (Durchschnitt: 0,60-1,50 m)
GewichtBis zu 190 kg
LebenserwartungUber 30 Jahre (Schatzungen bis 50 Jahre fur grosse Mannchen)
Tiefe1 bis 100 m, meist zwischen 5 und 30 m an Steilwanden und Riffpassagen
ErnahrungFleischfresser — Mollusken, Krebstiere, Seeigel, Seesterne (darunter die Dornenkrone), kleine Fische
IUCN-StatusStark gefahrdet (EN) — geschatzter Ruckgang von uber 50 % in 30 Jahren

PORTRAT

Manche Fische fliehen vor dem Taucher. Der Napoleonfisch kommt, um ihn zu betrachten. Er nahert sich, wird langsamer, dreht ein blaugrönes Auge zum Maskenvisier, verharrt einige Sekunden — und zieht dann mit einem Schwanzschlag wieder ab, ohne Eile, als hatte er bekommen, was er suchte. Man vergisst diese Begegnung nicht. Das Tier hat die Neugier, die Langsamkeit und die Masse einer Persönlichkeit, die weiss, dass sie zu Hause ist.

Cheilinus undulatus ist der grosste lebende Lippfisch — die Familie der Lippfische, die zweitgrosste Familie der Meeresfische, die uber 600 Arten umfasst. Mit seinen 2,30 m und 190 kg bei den altesten Mannchen dominiert er das Riff mit einer Prasenz, die man schon von weitem erkennt: die markante Stirnbeule, die dicken, fleischigen Lippen, die geschwungenen Linien, die sein Gesicht wie Falten zeichnen, und dieses dichte Kleid, bald tiefes Blaugrun, bald olivfarben, das sich mit Stimmung, Alter und Geschlecht andert.

Der deutsche Name verweist auf die Silhouette: Diese Beule auf der Stirn erinnert, im Profil betrachtet, an den Zweispitz des Kaisers. Die Englischsprachigen nennen ihn humphead wrasse (Buckellippfisch) oder Maori wrasse — die Gesichtslinien erinnern an eine traditionelle Tatowierung. Im Indo-Pazifik kennen die Fischer ihn vor allem unter einem anderen Blickwinkel: Er ist der teuerste Fisch auf den Markten von Hongkong und Kanton, und genau das bringt ihn um.

WIE MAN IHN ERKENNT

Der Napoleonfisch lasst sich mit keinem anderen Rifffisch verwechseln — nicht bei dieser Grosse. Ein erwachsenes Mannchen erreicht die Lange eines stehenden Tauchers.

Die Beule. Sie erscheint mit der Geschlechtsreife und wachst bei den Mannchen ein Leben lang. Bei einem grossen Mannchen bildet sie eine markante, fast vertikale Stirn, die dem Kopf ein charakteristisch rechteckiges Profil verleiht. Weibchen und Jungtiere haben keine oder nur eine diskrete Wolbung.

Die Lippen. Dick, vorstehend, mit fast weicher Fleischigkeit — sie verleihen dem Tier einen eigenartigen Ausdruck, der Taucher oft zum Lacheln bringt. Sie dienen dazu, harte Beute (Seeigel, Mollusken, Krebstiere) zu zermalmen, bevor die Schlundzahne die Arbeit vollenden.

Die Gesichtslinien. Geschwungene Markierungen, blaugrun bis schwarz, verlaufen uber die Wangen und um die Augen, wie ein Netz feiner Adern. Sie sind bei jedem Individuum einzigartig und ermoglichen theoretisch die Fotoidentifikation.

Das Kleid. Mannchen zeigen ein intensives Blaugrun, manchmal fast turkis, das sich mit dem Alter verdunkelt. Weibchen und Subadulte sind rotbraun bis olivfarben, matter. Jungtiere sind weisslich-grun mit zwei dunklen Linien durch das Auge.

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LEBENSWEISE

Der Napoleonfisch ist ein tagaktiver Einzelganger. Er patrouilliert tagsuber sein Revier — einen Riffabschnitt, den er auswendig kennt und dessen beste Fressplatze er verteidigt. Nachts zieht er sich in eine Felsspalte oder unter einen Korallenuberhang zum Schlafen zuruck, oft am selben Ort, Nacht fur Nacht. Diese Standorttreue ist einer der Grunde, warum Stammtaucher eines Riffs "ihren" Napoleonfisch wiedererkennen.

Ernahrung. Der Speiseplan ist vielseitig: Muscheln, Schnecken, Krebstiere (Krabben, Langusten), Seeigel und vor allem Arten, die kaum ein anderer Riffrauber anzuruhren wagt. Der Napoleonfisch ist einer der wenigen Konsumenten der Dornenkrone (Acanthaster planci), des korallenfressenden Seesterns, dessen Massenvermehrungen ganze Riffe verwusten. Er frisst auch giftige Arten — Kugelfische, Kofferfische — mit einer Toxinresistenz, die noch wenig verstanden ist.

Fortpflanzung und Hermaphrodismus. Cheilinus undulatus ist ein protogyner Hermaphrodit: Alle Individuen werden als Weibchen geboren, und einige wandeln sich nach der Geschlechtsreife in Mannchen um, in der Regel mit 9-15 Jahren. Der Geschlechtswechsel geht mit dem Wachstum der Stirnbeule, dem Farbwechsel zum Blaugrun und einem Wachstumsschub einher. Die Geschlechtsreife tritt spat ein — fruhestens mit 5-7 Jahren --, und die Fruchtbarkeit ist fur einen Rifffisch gering. Diese Merkmale einer langsamen Lebensgeschichte machen die Art besonders verwundbar gegenuber Uberfischung.

WO MAN IHN BEOBACHTEN KANN

Der Napoleonfisch lebt auf Korallenriffen und in Lagunen des gesamten tropischen Indo-Pazifik, vom Roten Meer bis Polynesien.

Rotes MeerAgypten. Wahrscheinlich der beste Ort weltweit, um den Napoleonfisch aus der Nahe zu beobachten. Die Gewasser des Nationalparks Ras Mohammed beherbergen seit Jahrzehnten an Taucher gewohnte Individuen — manche kommen buchstablich den Tauchgruppen entgegen. Die Brothers-Inseln (Big Brother, Little Brother) und Daedalus bieten Beobachtungen an tiefen Steilwanden, oft in Gesellschaft von Haien. Die aussergewohnliche Sicht des Roten Meeres (30-40 m) macht jede Begegnung fotografisch perfekt.

Palau — Blue Corner und German Channel. Blue Corner ist einer der beruhmtesten Tauchplatze der Welt, und der Napoleonfisch ist dort ein standiger Bewohner. Taucher, die sich mit ihrem Stromungshaken am Riff festhalten, sehen regelmasig grosse Mannchen in wenigen Metern Entfernung vorbeiziehen, begleitet von Grauhaien und Barrakudas.

MalaysiaSipadan. Die Insel Sipadan (Sabah, Borneo) ist ein Meeresschutzgebiet, in dem der Napoleonfisch geschutzt und haufig ist. Tauchgange an Barracuda Point und South Point bieten nahezu systematische Beobachtungen erwachsener Mannchen, oft zusammen mit Grunlichen Meeresschildkroten und den Barrakuda-Schwarmen, die den Ruf des Platzes begrunden.

Grosses Barriere-Riff — Australien. Das Aussenriff des Grossen Barriere-Riffs, insbesondere um das Ribbon Reef und das Osprey Reef, beherbergt residente Napoleonfische. Die Art ist dort streng geschutzt und die Individuen sind oft zuganglich.

Malediven. Die Passe und Thilas der zentralen Atolle (Sud-Male, Ari, Vaavu) beherbergen Napoleonfische, die man regelmasig bei Stromungstauchgangen antrifft.

IndonesienRaja Ampat und Komodo. Raja Ampat, mit seiner Rekord-Biodiversitat, beherbergt Napoleonfische auf seinen Saumriffen und Steilwanden. Der Nationalpark Komodo bietet Beobachtungen an Stromungsplatzen wie Batu Bolong und Crystal Rock.

BEOBACHTUNGSKALENDER

ReisezielJFMAMJJASOND
Rotes Meer (Ras Mohammed, Brothers)
Palau (Blue Corner)
Sipadan (Borneo)
Grosses Barriere-Riff (Australien)
Malediven
Indonesien (Raja Ampat)
Indonesien (Komodo)

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NATURSCHUTZ

Cheilinus undulatus ist seit 2004 auf der Roten Liste der IUCN als Stark gefahrdet (EN) eingestuft. Die Weltpopulation ist in drei Jahrzehnten um uber 50 % zuruckgegangen. Die Art wurde 2004 in Anhang II des CITES aufgenommen — der erste Korallenrifffisch, der diesen Schutz erhielt --, was bedeutet, dass jeder internationale Handel Ausfuhrgenehmigungen erfordert.

Die Hauptbedrohung ist der Lebendfischhandel (live reef fish trade), der die Luxusrestaurants Sudchinas, Hongkongs und Sudostasiens versorgt. Ein lebender Napoleonfisch kann sich fur mehr als 200 Dollar pro Kilo in einem Restaurant in Kanton verkaufen. Die Jungfische werden mit Zyanid gefangen — einem Gift, das in die Felsspalten des Riffs geschuttet wird, um den Fisch zu betauben --, dann in Kafigen in der Lagune gehalten, bis sie die Handelsgrosse erreichen. Die Praxis zerstort die Korallen, totet die nicht angezielten Arten und dezimiert die lokalen Napoleonfisch-Populationen.

Der verantwortungsvolle Taucher beruhrt niemals einen Napoleonfisch — auch wenn er sich von selbst nahert — und futtert ihn nicht. Kunstliche Futterung, die an einigen Platzen praktiziert wird, erzeugt eine Abhangigkeit, die das naturliche Verhalten verandert und das Tier dem Fang aussetzt.

Organisationen, die man unterstutzen kann:

3 DINGE, DIE SIE WAHRSCHEINLICH NICHT WISSEN

1. Er ist der Wachter des Riffs — im wortlichen Sinne. Der Napoleonfisch ist einer der ganz wenigen Fressfeinde der Dornenkrone (Acanthaster planci), des Seesterns, dessen Massenvermehrungen ganze Abschnitte von Korallenriffen zerstoren. Eine erwachsene Dornenkrone kann 10 Quadratmeter lebende Koralle pro Jahr verschlingen. Dort, wo die Napoleonfische verschwinden, vermehren sich die Dornenkronen — und das Riff stirbt. Der Zusammenhang ist nicht theoretisch: Er ist am Grossen Barriere-Riff und in mehreren Regionen des Pazifik dokumentiert.

2. Alle grossen Mannchen waren einmal Weibchen. Der protogyne Hermaphrodismus des Napoleonfischs bedeutet, dass jedes 2-Meter-Mannchen, das man auf dem Riff bewundert, sein Leben mit dem Eierlegen begonnen hat. Der Geschlechtswechsel ist unwiderruflich und erfolgt in der Regel zwischen 9 und 15 Jahren. Man weiss noch nicht genau, was ihn auslost — Geschlechterverhaltnis der Gruppe, relative Grosse des Individuums, soziale Signale. Sicher ist, dass das Entfernen der grossen Mannchen nicht einfach ein Weibchen "aufsteigen" lasst: Die Transition dauert Jahre, und in der Zwischenzeit lauft der Laichplatz ohne dominantes Mannchen.

3. Seine Beule ist ein Ratsel. Der Stirnwulst, der dem Fisch seinen Namen gab, bleibt schlecht verstanden. Er wachst bei den Mannchen ein Leben lang, enthalt aber weder ein Sinnesorgan noch ein verwertbares Fettdepot — es ist dichtes Bindegewebe. Die vorherrschende Hypothese ist, dass er als Sexualsignal dient: ein ehrlicher Indikator fur Grosse, Alter und genetische Qualitat, den die Weibchen zum Zeitpunkt des Laichens bewerten wurden. Aber keine Verhaltensstudie hat diese Selektion bisher formell bewiesen.

FOTO- UND VIDEOTIPPS

Der Napoleonfisch ist eines der lohnendsten Unterwassermotive: Er ist gross, langsam, neugierig und kommt zu einem. Das Problem ist nicht, ihn zu nahern — es ist, den Moment nicht zu verpassen, in dem er einen anschaut.

Objektiv. Bevorzugt Weitwinkel — 10-17 mm Fisheye oder 14-24 mm Rectilinear im Gehause, natives Sichtfeld mit GoPro. Das Tier ist gross genug, um auch in 2-3 Metern Entfernung den Bildausschnitt zu fullen, doch oft mochte man das Riff im Hintergrund einbeziehen, um Kontext und Massstab zu geben.

Licht. Der Napoleonfisch halt sich in den oberen 5-30 Metern auf, wo das Umgebungslicht oft ausreichend ist. Ein oder zwei Blitzgeräte holen die Blau- und Gruntone des Kleids zuruck, die mit der Tiefe schnell verblassen.

Annaherung. Ihn kommen lassen. Der Napoleonfisch ist von Natur aus neugierig und nahert sich oft von selbst, wenn der Taucher ruhig und bewegungslos bleibt. Auf ihn zuzuschwimmen ist der sicherste Weg, ihn zu verscheuchen. Wenn man ihn an einer Steilwand trifft, leicht unter seine Schwimmachse absteigen und warten, dass er auf gleicher Hohe vorbeikommt: Der Blickkontakt ist der Schlussel zum guten Portrat.

Klassischer Fehler. Den Napoleonfisch von oben fotografieren. Von oben gesehen ist er nur eine dunkle, langliche Form — die Beule, die Lippen und die Gesichtslinien verschwinden. Sich immer auf seiner Hohe oder leicht darunter positionieren.

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