Schwimmende Schweine von Exuma
Sus scrofa domesticus
Sie tauchen nicht, sie jagen nicht: Sie schwimmen zu Ihrem Boot und betteln um ein Sandwich.

STECKBRIEF
| Klassifikation | Ordnung der Paarhufer, Familie der Echten Schweine |
| Wissenschaftlicher Name | Sus scrofa domesticus (verwildertes Hausschwein) |
| Groesse | 90 cm bis 1,50 m Laenge je nach Alter |
| Gewicht | 45-110 kg (nicht kuenstlich gefuetterte Erwachsene) |
| Geschwindigkeit | ~3 km/h schwimmend — ausreichend, um ein verankertes Boot zu erreichen |
| Lebenserwartung | 15-20 Jahre (unter verwilderten Bedingungen oft weniger) |
| Tiefe | Strand und Buschland von Big Major Cay, Exumas, Bahamas |
| Ernaehrung | Allesfresser — Touristenreste, Fruechte, Wurzeln, gestrandete Krebstiere |
| IUCN-Status | N/A — Haustier, nicht als Wildtierart bewertet |
PORTRÄT
Man muss es sehen, um es zu glauben: Rund zwanzig Hausschweine stehen mit den Beinen im tuerkisfarbenen Wasser der Bahamas und schwimmen mit erhobenem Ruessel den Touristenbooten entgegen. Big Major Cay, ein unbewohntes Eiland der Exumas-Inselkette, ist zu einer der meistfotografierten Kulissen des Atlantiks geworden — und seine Bewohner zu den unwahrscheinlichsten Instagram-Stars der karibischen Tierwelt.
Die Schweine von Big Major Cay sind keine Wildtierart. Es handelt sich um Hausschweine (Sus scrofa domesticus), die in einen verwilderten Zustand zurueckgekehrt sind — also um Nutztiere, deren Vorfahren auf der Insel ausgesetzt oder zurueckgelassen wurden und die seither in Freiheit leben. Ueber ihre genaue Herkunft kursieren mehrere Geschichten, keine davon gesichert belegt: Seeleute haetten sie als lebenden Fleischvorrat abgesetzt und seien nie zurueckgekehrt; ein Schiffbruch haette sie an den Strand gespuelt; Bauern einer Nachbarinsel haetten sie dort angesiedelt, um sie von ihren Feldern fernzuhalten. Was auch immer die Wahrheit ist — die Schweine haben sich angepasst, schwimmen gelernt und vor allem begriffen, dass Boote Futter bedeuten.
Heute gehoeren sie zu den lukrativsten Touristenattraktionen der Bahamas. Der Erfolg war so durchschlagend, dass andere Inseln in der Region — und sogar weltweit — versucht haben, das Konzept zu kopieren, mit unterschiedlichem Ergebnis.
WIE MAN SIE ERKENNT
Es sind weder Wildschweine noch Pekaris. Die Schweine von Big Major Cay sind ganz gewoehnliche Hausschweine, erkennbar an ihrer rosa oder schwarz gefleckten Haut, der abgeflachten Schnauze, den Haengohren und dem Fehlen eines dichten Fells. Einige Exemplare tragen geschecktes Fell (weiss und braun), andere sind vollstaendig rosa. Man unterscheidet Jungtiere — die von Fotografen so begehrten "Ferkel" — und ausgewachsene Tiere, die das Format eines mittelgrossen Hofschweins erreichen koennen.
Unter Wasser — denn die Touristen gesellen sich mit Maske und Schnorchel zu ihnen — ist ihre Silhouette unverwechselbar: kurze Beine, die im Leeren paddeln, runder Bauch und Ringelschwanz. Ihre Schwimmtechnik ist ein kraeftiges Hundepaddeln, wobei Ruessel und Augen ueber Wasser gehalten werden. Sie tauchen nicht und wagen sich nie in tiefes Wasser — ihr Aktionsradius beschraenkt sich auf wenige Dutzend Meter um den Strand.
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LEBENSWEISE
Die Schweine von Big Major Cay leben in einer halbwilden Gruppe auf einer rund 400 Meter langen Insel ohne feste Bewohner. Ihr Tagesablauf wird vom Eintreffen der Ausflugsboote bestimmt: Sobald ein Motor naeherkommt, stuerzen sich die Mutigsten ins Wasser und schwimmen den Besuchern entgegen. Dieses Verhalten, das oft als "natuerlich" dargestellt wird, ist in Wirklichkeit eine reine operante Konditionierung — Boot bedeutet Futter.
Ausserhalb der Touristenbesuche durchstoebern die Schweine die niedrige Vegetation der Insel auf der Suche nach Wurzeln, heruntergefallenen Fruechten und kleinen Wirbellosen. Eine natuerliche Suesswasserquelle versorgt die Insel, ergaenzt durch Wasser, das Bewohner von Staniel Cay — der naechstgelegenen Siedlung — herbeibringen. Die lokale Bevoelkerung betrachtet die Schweine als Gemeingut und sorgt fuer ihre Grundversorgung unabhaengig vom Touristenstrom.
Die Kolonie zaehlt in der Regel zwischen 20 und 30 Tiere bei regelmaessigem Nachwuchs. Eine Haussau wirft durchschnittlich 8-12 Ferkel. Im Jahr 2017 fuehrte der ploetzliche Tod mehrerer Schweine — zurueckgefuehrt auf die Aufnahme von Alkohol und ungeeignetem Futter durch Touristen — zu einem Bewusstseinswandel hinsichtlich der tatsaechlichen Lebensbedingungen dieser Tiere.
WO MAN SIE BEOBACHTEN KANN
Die schwimmenden Schweine sind untrennbar mit den Exumas verbunden, doch der Besuch laesst sich ideal mit anderen maritimen Attraktionen der Region kombinieren — und genau das macht den Aufenthalt fuer Taucher und Schnorchler so reizvoll.
Big Major Cay (Pig Beach) — Exumas, Bahamas. Dies ist der urspruengliche Ort, der einzig authentische. Die Insel ist nur per Boot erreichbar, entweder von Staniel Cay aus (10 Minuten) oder als Tagesausfluege von Nassau (Inlandsflug oder Speedboat, 1,5-2 Stunden). Die Schweine sind ganzjaehrig anzutreffen. Die beliebtesten Ausfluege starten fruehmorgens, um dem Andrang auszuweichen — in der Hochsaison ankern bis zu 20 Boote gleichzeitig vor dem Strand.
Compass Cay — Ammenhaie. Nur wenige Minuten von Big Major Cay entfernt beherbergt die Marina von Compass Cay ein Dutzend an Menschen gewoehnte Ammenhaie (Ginglymostoma cirratum). Man schwimmt mit ihnen in einem flachen Kanal. Das Erlebnis hat nichts von einem technischen Tauchgang, bietet aber Nahkontakt mit friedfertigen Haien und ist eine natuerliche Ergaenzung zum Schweinebesuch.
Thunderball Grotto. Diese Meereshoehle, beruehmt geworden durch den James-Bond-Film Thunderball (1965), liegt zwischen Staniel Cay und Big Major Cay. Man betritt sie beim Schnorcheln bei Ebbe durch einen schmalen Eingang. Das Innere, durchflutet von Licht, das durch Risse in der Decke faellt, beherbergt eine dichte Rifffauna — Kaiserfische, Sergeantsmajoere, Langusten. Es ist der schoenste Schnorchelspot der gesamten Exumas-Kette.
Nassau und die Berry Islands. Von Nassau aus bieten Reiseveranstalter Tagesausfluege an, die Pig Beach, Thunderball Grotto, die Leguane der Insel Allan's Cay und Schnorcheln an den Riffen der Tongue of the Ocean — der gewaltigen Tiefseerinne westlich der Exumas — kombinieren.
Andere "Swimming Pigs" weltweit. Der Erfolg der Exuma-Schweine hat Nachahmer hervorgebracht: Koh Samui (Thailand), einige Tonga-Inseln und sogar Freizeitparks in den USA haben Schweine an Straenden angesiedelt, um Besucher anzulocken. Keiner dieser Orte bietet den historischen Charakter oder das marine Oekosystem der Exumas — es sind kuenstliche Attraktionen, keine etablierten verwilderten Populationen.
BEOBACHTUNGSKALENDER
| Reiseziel | J | F | M | A | M | J | J | A | S | O | N | D |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Exumas (Pig Beach) | ||||||||||||
| Compass Cay (Ammenhaie) | ||||||||||||
| Thunderball Grotto |
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Die Schweine sind ganzjaehrig vor Ort, doch die atlantische Hurrikansaison (Juni bis November, Hoehepunkt im September) macht die Schifffahrt unberechenbar und die Ausfluege seltener. Die beste Reisezeit erstreckt sich von Dezember bis April: ruhige See, Wassertemperaturen von 24-27 Grad Celsius, niedrige Luftfeuchtigkeit und ueberschaubarer Touristenandrang ausserhalb der Weihnachtsferien. Der Fruehling (Maerz-April) bietet den besten Kompromiss aus gutem Wetter und moderater Besucherzahl.
NATURSCHUTZ
Die Schweine von Big Major Cay sind keine bedrohte Art — sie sind verwilderte Haustiere, und ihr Schutz ist keine Frage der Populationsbiologie, sondern des Tierwohls.
Das Hauptproblem ist die unkontrollierte Fuetterung durch Touristen. Die Schweine erhalten taeglich ungeeignete Nahrungsmittel: Chips, Brot, Bier, Fast-Food-Reste. 2017 wurden sieben Schweine tot am Strand gefunden. Die Untersuchung der Bahamas Humane Society kam zu dem Schluss, dass eine Vergiftung durch die Aufnahme von Sand (die Schweine verschlucken den Sand zusammen mit dem hingeworfenen Futter) und Alkohol wahrscheinlich war. Der Vorfall veranlasste die oertlichen Behoerden, Regeln aufzustellen: keinen Alkohol an die Tiere geben, nur Obst und Gemuese fuettern, die Tiere nicht am Strand verfolgen.
Die oekologischen Auswirkungen der Schweinekolonie auf die Insel selbst sind ein weniger beachtetes, aber reales Thema. Die Schweine wuehlen den Boden um, zerstoeren die Kuestenvegetation, und ihre Hinterlassenschaften fliessen in die Gewaesser der Lagune — was zur Schaedigung der nahe gelegenen Seegraswiesen beitraegt. Keine veroeffentlichte wissenschaftliche Studie quantifiziert diesen Einfluss auf den Exumas, doch die Auswirkungen verwilderter Schweinepopulationen auf Inseloekosysteme sind andernorts gut dokumentiert — insbesondere auf Hawaii und den Galapagos-Inseln, wo sie zu den zerstoererischsten invasiven Arten gehoeren.
Der verantwortungsvolle Besucher gibt nur Obst oder Gemuese, erzwingt keinen koerperlichen Kontakt, bleibt im Wasser und verfolgt die Schweine nicht am Strand. Ferkel, die besonders verwundbar sind, duerfen weder getragen noch angefasst werden.
Organisationen und Quellen:
- Bahamas Humane Society — Tierschutz auf den Bahamas, Ueberwachung der Kolonie
- Bahamas National Trust — Verwaltung der Nationalparks der Exumas (Exuma Cays Land and Sea Park)
- BREEF — Bahamas Reef Environment Educational Foundation — Umweltbildung zum Meeresschutz auf den Bahamas
3 DINGE, DIE SIE WAHRSCHEINLICH NICHT WISSEN
1. Niemand weiss, wie sie dorthin kamen. Drei Geschichten kursieren: Seeleute haetten sie als lebenden Fleischvorrat abgesetzt und seien nie zurueckgekehrt; ein Viehtransporter sei in der Naehe gestrandet; Bauern von Staniel Cay haetten sie auf der Insel angesiedelt, um sie von ihren Gaerten fernzuhalten. Keine dieser Versionen ist belegt. Sicher ist nur, dass die Schweine bereits auf der Insel waren, als die ersten Freizeitsegler sie in den 1990er-Jahren bemerkten — und dass die Explosion Mitte der 2010er-Jahre einsetzte, als die sozialen Medien eine lokale Kuriositat in ein weltweites Phaenomen verwandelten.
2. Sie koennen nicht von Geburt an schwimmen. Entgegen einer verbreiteten Annahme schwimmen Ferkel nicht instinktiv. Wie Hunde sind Schweine anatomisch schwimmfaehig — ihr Unterhautfettgewebe verleiht ihnen natuerlichen Auftrieb — doch das Verhalten, zu den Booten zu schwimmen, wird durch Nachahmung der Erwachsenen erlernt und durch Futterbelohnung verstaerkt. Ein auf der Insel geborenes Ferkel lernt schwimmen, indem es seiner Mutter ins Wasser folgt, genauso wie es lernen wuerde, im Boden zu wuehlen.
3. Big Major Cay waere beinahe ein Resort geworden. In den 2000er-Jahren erwaeg ein Investor den Bau eines Hotelkomplexes auf der Insel. Das Projekt kam nie zustande — teils wegen des Mangels an ausreichend Suesswasser, teils weil die Schweine bereits zur Hauptattraktion geworden waren und ihre Anwesenheit die Immobilienentwicklung heikel machte. Die Insel ist bis heute unbewohnt, die Schweine sind die einzigen dauerhaften Bewohner, und genau dieses Fehlen jeglicher Bebauung macht den Reiz des Ortes aus.
FOTO- UND VIDEOTIPPS
Die schwimmenden Schweine sind ein fotografisch verblüffend einfaches Motiv — sie kommen zu einem. Die Schwierigkeit liegt nicht in der Annaeherung, sondern in Komposition, Timing und dem Umgang mit dem Andrang.
Objektiv. Weitwinkel, ohne Zoegern. Im Unterwassergehaeuse: 16-35 mm fuer die grossen Uebersichtsaufnahmen "Schwein im tuerkisfarbenen Wasser", 24-70 mm fuer Portraets. Mit GoPro: Das native Blickfeld ist perfekt, und die halb eingetauchten Aufnahmen (halb Luft, halb Wasser — der beruehmte Split-Shot) gelingen hier dank der Wasserklarheit und geringen Tiefe auch ohne professionellen Dome. Ein Smartphone in einer wasserdichten Huelle tut es ebenfalls — die Schweine naehern sich auf weniger als einen Meter.
Licht. Frueh anreisen. Der Strand von Pig Beach zeigt nach Westen: Am Morgen beleuchtet die Sonne die Szene von Osten, und das Wasser ist maximal tuerkis und durchsichtig. Nachmittags sorgt Gegenlicht fuer flachere Bilder, und das Wasser ist durch den Bootsverkehr getruebter. Das ideale Zeitfenster liegt zwischen 8 und 10 Uhr, bevor die grossen Touren aus Nassau eintreffen.
Annaeherung. Im Wasser bleiben, auf Augenhoehe des Schweins. Die besten Fotos sind jene, die auf Wasserhoehe aufgenommen werden, der Fotograf halb eingetaucht, das Schwein auf das Objektiv zuschwimmend. Aufnahmen vom Boot oder vom Strand herab sind banal — die hat jeder. Der Split-Shot mit einem schwimmenden Ferkel, die Beine unter Wasser sichtbar und der Ruessel darueber, ist das Signatur-Bild.
Klassischer Fehler. Mit einer Hand fuettern und mit der anderen fotografieren. Das Schwein schaut nicht ins Objektiv, sondern auf das Futter. Und ein 80 kg schweres Schwein, das auf ein Stueck Wassermelone losstuermt, ist nicht immer fotogen — und nicht immer ungefaehrlich fuer die Ausruestung.



