Dugong
Dugong dugon
Das einzige rein pflanzenfressende Meeressaugetier ist auch dasjenige, das Seeleute glauben liess, Frauen im Wasser zu sehen.

STECKBRIEF
| Klassifikation | Ordnung der Seekuhe, Familie der Dugongs |
| Wissenschaftlicher Name | Dugong dugon (Muller, 1776) |
| Grosse | 2,4 bis 3 m (Maximum: 4,06 m) |
| Gewicht | 250 bis 600 kg |
| Geschwindigkeit | ~10 km/h im Reisemodus, Spitzen bis 22 km/h |
| Lebenserwartung | 70 Jahre und mehr (altestes dokumentiertes Exemplar: 73 Jahre) |
| Tiefe | In der Regel 1 bis 10 m, gelegentlich bis 39 m |
| Ernahrung | Strikter Pflanzenfresser — Seegraswiesen (Gattungen Halophila, Halodule, Zostera) |
| IUCN-Status | Gefahrdet (VU) — Bestand rucklaufig |
PORTRAT
Man trifft ihn in weniger als einem Meter Wasser, wenige Schwimmzuge vom Ufer entfernt, beim Abweiden des Grundes, wie es eine Kuh auf einer Wiese tate. Der Dugong ist ein unwahrscheinliches Tier: ein 300 Kilogramm schweres Meeressaugetier mit einem torpedoformigen, glatten Korper, einer Schweineschnauze, das ausschliesslich Gras frisst. Er jagt nichts, flieht vor fast nichts und verbringt den Grossteil seiner Tage mit dem Kopf im Sand, um Seegraser auszureissen — jene Blutenpflanzen, die die Sandboden tropischer Lagunen bedecken.
Dugong dugon ist der einzige lebende Vertreter der Familie der Dugongidae. Sein nachster lebender Verwandter an Land ist weder die Robbe noch der Wal, sondern der Elefant. Die beiden Stammlinien trennten sich vor etwa 60 Millionen Jahren, und die Seekuhe — die Ordnung, der der Dugong angehort — stammen von pflanzenfressenden Landtieren ab, die im Eozan ins Meer zuruckkehrten. Diese Verwandtschaft lasst sich noch in der Anatomie ablesen: Der Dugong besitzt extrem dichte, schwere Knochen (die Pachyostose, ein naturlicher Ballast, der ihm hilft, am Grund zu bleiben), rudimentare Nagel an den Enden seiner Brustflossen und ein Gebiss, das bei den Mannchen kurze Stosszahne hervorbringt — obere Schneidezahne, die im Erwachsenenalter durch die Lippe brechen.
Es ist auch der Dugong, der die Legende der Sirenen hervorbrachte. Die Seefahrer des Mittelalters und der Renaissance, die an der Oberflache eine graue Gestalt erblickten, die ihr Junges in aufrechter Position saugte, den Kopf uber Wasser, glaubten, eine Frau zu sehen. Das Wort Sirene ist davon geblieben, und Linne selbst taufte die Ordnung Sirenia in Anspielung auf diese Verwechslung. Christoph Kolumbus, der 1493 vor Hispaniola drei "Sirenen" sichtete, notierte in seinem Tagebuch, dass sie "nicht so schon seien, wie man sie malt". Er hatte wahrscheinlich Manatis gesehen, die atlantischen Verwandten des Dugongs.
WIE MAN IHN ERKENNT
Der Dugong gleicht unter Wasser nichts anderem. Sein Korper ist stromlinienformig, gleichmassig grau, am Bauch heller, und vollig frei von Schuppen, sichtbaren Haaren (einige Tasthaare besetzen die Schnauze) und Ruckenanhangen — keine Ruckenflosse, im Gegensatz zum Manati. Die Schwanzflosse ist halbmondformig eingekerbt, wie die eines Delfins, und bildet das zuverlassigste Merkmal, um ihn sofort vom Manati zu unterscheiden, dessen Schwanz spatelfomig und abgerundet ist.
Die Schnauze ist das auffalligste Organ. Breit, flach, in einem Winkel von fast 70 Grad nach unten geneigt, funktioniert sie wie eine Seegrasschaufel. Die Oberlippe ist dick, greiffähig, in zwei muskulose Lappen gespalten, die Grasbuschel ergreifen und aus dem Substrat reissen. Man beobachtet das Tier oft, wie es langsam vorruckt, die Schnauze im Sand vergraben, und hinter sich Sedimentwolken und regelmassige Furchen im Seegras hinterlasst — die beruhmten "Fressrinnen", die Biologen per Drohne kartieren, um die Aktivitat der Populationen abzuschatzen.
Die erwachsene Grosse liegt zwischen 2,4 und 3 Metern — ungefahr die eines Zweierkanus. Unter Wasser, bei klarer Sicht, erkennt man die Silhouette schon von weitem: ein grauer Zylinder, ohne Ecken, fast ohne sichtbare Bewegung, der wenige Zentimeter uber dem Grund schwebt. Das Tier ist langsam, bedachtig und von einer entwaffnenden Ruhe.
Für Untertitel auf Deutsch: starten Sie zuerst das Videoklicken Sie dann auf das Zahnradoben rechts im Video, wählen Sie „Untertitel“, dann „Automatisch übersetzen“ und schließlich „Deutsch“.
LEBENSWEISE
Der Dugong ist ein Grundweideganger. Er ernahrt sich fast ausschliesslich von Seegrasern, mit einer deutlichen Vorliebe fur Arten mit hohem Stickstoffgehalt und niedrigem Faseranteil — Halophila ovalis und Halodule uninervis tauchen in allen Studien auf. Ein erwachsenes Tier konsumiert 25 bis 40 kg Pflanzenmaterial pro Tag, was es dazu zwingt, bis zu acht Stunden taglich zu grasen. Manchmal reisst es die gesamte Pflanze samt Wurzeln heraus, wodurch Verjungungszonen im Seegras entstehen: Die jungen Triebe, die diese Flachen neu besiedeln, sind nahrstoffreicher als die alten — ein Mechanismus, den Okologen als "Cultivation Grazing" bezeichnen.
Die Atmung bestimmt den gesamten Tagesablauf. Der Dugong taucht alle ein bis funf Minuten zum Atmen an die Oberflache — ein kurzer, fast lautloser Atemstoss, manchmal begleitet von einem kleinen Dampfausstoss. Langere Tauchgange bis zu zwolf Minuten sind selten und der Fortbewegung vorbehalten. Diese Abhangigkeit von der Oberflache erklart, warum das Tier in flachen Gewassern bleibt, in der Regel unter 10 Metern, und selten mehr als einen Kilometer vom Ufer entfernt.
Die Fortpflanzung ist langsam. Die Geschlechtsreife wird zwischen 9 und 17 Jahren erreicht, die Tragzeit dauert 13 bis 15 Monate, und das Weibchen bringt nur ein einziges Jungtier zur Welt, das es 14 bis 18 Monate saugt. Der Abstand zwischen zwei Geburten betragt drei bis sieben Jahre. Dieser Rhythmus macht den Dugong zu einem der Meeressaugetiere mit der langsamsten Bestandserholung — ein kritischer Punkt fur den Naturschutz.
WO MAN IHN BEOBACHTEN KANN
Der Dugong bewohnt die warmen Kustengewasser des Indo-Pazifik, von Ostafrika bis Vanuatu, uber den Persischen Golf, den indischen Subkontinent und Sudostasien. Sein Verbreitungsgebiet umfasst uber 40 Lander, doch die tatsachliche Verbreitung ist fragmentiert: Das Tier ist auf intakte Seegraswiesen und flache Gewasser angewiesen, zwei Bedingungen, die immer seltener werden.
Agypten — Marsa Alam (Abu Dabbab). Das zuverlassigste Reiseziel weltweit fur Taucher. Die Bucht von Abu Dabbab sudlich von Marsa Alam beherbergt einen residenten Dugong — oft dasselbe Individuum, das monatelang beobachtet wird --, der die Seegraswiesen der Bucht in 2 bis 6 Metern Tiefe abgrast. Der Zugang erfolgt vom Strand aus, per Schnorchel oder Flaschentauchgang. Begegnungen sind nahezu taglich am Morgen moglich, wenn das Tier frisst. Die Sicht im Roten Meer, oft uber 20 Meter, macht jede Beobachtung aussergewohnlich.
Philippinen — Coron und Busuanga (Palawan). Die Seegraswiesen im Norden von Palawan beherbergen eine noch unzureichend gezahlte, aber regelmasig beobachtete Dugong-Population. Die Platze rund um Coron, Busuanga und in der Caluit-Bucht bieten Beobachtungen per Schnorchel in ruhigen, flachen Gewassern. Begegnungen sind weniger vorhersehbar als in Abu Dabbab, aber ganzjahrig moglich, mit einem Hohepunkt von Januar bis Mai.
Vanuatu. Der Archipel beherbergt eine der letzten bedeutenden Populationen des Sudpazifik. Die Dugongs sind dort in mehreren Gemeinschaften durch traditionelle Tabus geschutzt, was zu ihrer Erhaltung beigetragen hat. Beobachtungen erfolgen hauptsachlich in den flachen Lagunen von Efate und Epi, per Schnorchel von kleinen lokalen Booten aus.
Mosambik — Bazaruto. Der Bazaruto-Archipel vor Inhambane beherbergt die letzte uberlebensfahige Dugong-Population Ostafrikas — geschatzt auf einige Hundert Individuen. Die Seegraswiesen, die die Inseln sumen, bieten Schnorchel-Beobachtungen, doch die Begegnungen sind zufallig und der Zugang zu den Platzen erfordert lokale Logistik. Die beste Saison dauert von Mai bis November, wahrend der Trockenzeit.
Australien — Shark Bay. Die grosste Dugong-Population der Welt lebt an der Westkuste Australiens. Shark Bay, zum UNESCO-Welterbe gehörend, beherbergt rund 10 000 Individuen — fast 10 % der geschatzten Weltpopulation. Beobachtungen erfolgen per Schnorchel in den flachen Grasgrunden der Bucht oder per Boot. Monkey Mia, bekannt fur seine Delfine, ist der gebrauchlichste Zugangspunkt. Die beste Saison ist der australische Sommer, von Oktober bis Marz.
BEOBACHTUNGSKALENDER
| Reiseziel | J | F | M | A | M | J | J | A | S | O | N | D |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Agypten (Marsa Alam) | ||||||||||||
| Philippinen (Coron) | ||||||||||||
| Vanuatu | ||||||||||||
| Mosambik (Bazaruto) | ||||||||||||
| Australien (Shark Bay) |
Klicken Sie auf jede Schaltfläche zum Ein-/Ausblenden
NATURSCHUTZ
Dugong dugon ist auf der Roten Liste der IUCN als Gefahrdet (VU) eingestuft, doch diese globale Klassifizierung verbirgt dramatische Unterschiede. Einige lokale Populationen — in Neukaledonien, Japan (Okinawa), Madagaskar — stehen am Rand des funktionellen Aussterbens mit nur wenigen Dutzend Individuen. Die Weltpopulation wird auf rund 100 000 Individuen geschatzt, von denen uber 80 % in australischen Gewassern leben. Uberall sonst ist der Ruckgang kontinuierlich.
Die Art ist in Anhang I des Washingtoner Artenschutzubereinkommens (CITES) (internationaler Handel verboten) und in der Bonner Konvention (CMS) aufgefuhrt, die ein spezifisches Memorandum of Understanding fur das gesamte Verbreitungsgebiet erstellt hat.
Die Bedrohungen sind kumulativ und synergistisch. Die Zerstorung der Seegraswiesen — durch Kustenbaggerungen, landwirtschaftliche Verschmutzung, Sedimentabfluss und Erwarmung der Gewasser — ist die Hauptursache des Ruckgangs: Ohne Gras kein Dugong. Der zufallige Fang in Fischernetzen (Zuggarne, Stellnetze, Schleppnetze) totet jahrlich Tausende von Individuen in ganz Sudostasien. Die traditionelle Jagd, die in einigen Gemeinschaften des Pazifik und Asiens noch praktiziert wird, verstarkt diese Verluste. Und Kollisionen mit Motorbooten sind eine zunehmende Todesursache in frequentierten Kustengebieten.
Der extrem langsame Fortpflanzungsrhythmus der Art — ein Jungtier alle drei bis sieben Jahre — bedeutet, dass jede Ubersterblichkeit, auch eine geringe, Jahrzehnte braucht, um kompensiert zu werden. Das ist die grundlegende Falle der Dugong-Erhaltung: Das Tier vermehrt sich so langsam, dass die Populationen fast nie "zuruckspringen".
Der verantwortungsvolle Taucher stellt den Motor auf Distanz ab, verfolgt das Tier niemals und stellt sich nicht zwischen Mutter und Jungtier. Beim Schnorcheln erfolgt die Annaherung passiv, indem man den Dugong kommen lasst — oder nicht.
Organisationen, die man unterstutzen kann:
- Dugong & Seagrass Conservation Project — CMS-Programm fur das gesamte Verbreitungsgebiet
- Marine Megafauna Foundation — Forschung uber die Populationen in Mosambik
- Sea Shepherd — Kampf gegen Wilderei im Indo-Pazifik
- Reef Check — Uberwachung der Gesundheit von Seegraswiesen
3 DINGE, DIE SIE WAHRSCHEINLICH NICHT WISSEN
1. Sein nachster lebender Verwandter ist der Elefant. Der Dugong gehort zur Ordnung der Seekuhe, deren gemeinsame Vorfahren mit den Ruesseltrieren (Elefanten) bis ins Eozan zuruckreichen, vor etwa 60 Millionen Jahren. Die beiden Stammlinien teilen noch anatomische Merkmale: extrem dichte Knochen (der Dugong hat kaum Mark in seinen Rippen), rudimentare Nagel und bei den Mannchen Stosszahne — kurze obere Schneidezahne, die bei alteren Mannchen vorstehen. Der andere nachste lebende "Verwandte" ist der Schliefer, ein kleines afrikanisches Saugetier von der Grosse eines Kaninchens.
2. Er maht die Seegraswiesen — und das ist gut fur die Seegraswiesen. Wenn der Dugong Seegraiser samt Wurzeln ausreisst, schafft er kahle Flachen, die schnell von jungen Trieben besiedelt werden, die nahrstoffreicher und produktiver sind. Dieses Phanomen, "Cultivation Grazing" genannt, wird seit den 2000er Jahren von Okologen gemessen. Ohne Weideganger altern die Seegraswiesen, werden von Epiphyten uberladen und verlieren an Produktivitat. Der Dugong ist in gewissem Sinne der Gartner seiner eigenen Speisekammer.
3. Sein riesiger Verwandter ist vor 250 Jahren verschwunden — in 27 Jahren. Die Stellersche Seekuh (Hydrodamalis gigas), die grosste Seekuh, die je existierte (bis zu 9 Meter und 10 Tonnen), lebte in den kalten Gewassern des Nordpazifik, rund um die Kommandeurinseln. 1741 vom Naturforscher Georg Steller entdeckt, wurde die Art von Pelzjagern bis 1768 ausgerottet — weniger als drei Jahrzehnte nach ihrer wissenschaftlichen Beschreibung. Unfähig zu tauchen, langsam, gutmutig, liess sie sich harpunieren, ohne zu fliehen. Die Art wurde zum Symbol des Aussterbens durch Ubernutzung.
FOTO- UND VIDEOTIPPS
Der Dugong ist ein paradoxes Unterwassermotiv: immens fotogen durch seine Seltenheit und Sanftmut, aber technisch heikel wegen seines Lebensraums — flache Gewasser, Sandboden, grelles Licht, ein Tier, das dicht am Grund dahinschwebt.
Objektiv. Weitwinkel oder Fisheye Rectilinear. Im Gehause: 10-17 mm an APS-C, 14-20 mm an Vollformat. Mit Action-Kamera (GoPro oder ahnlich): Das native Sichtfeld eignet sich, und stabilisiertes 4K-Video liefert die besten Ergebnisse — der Dugong eignet sich besser fur Video als fur Standfotografie, denn es ist seine langsame Bewegung und sein Pendelverkehr zur Oberflache, die die Geschichte erzahlen.
Licht. Das Tier grast zwischen 1 und 6 Metern: Das naturliche Licht ist in der Regel reichlich, manchmal zu viel. Die Reflexionen des Sandbodens uberbelichten leicht den hellen Bauch. Eine halbe Blende unter der automatischen Messung zu belichten vermeidet ausgebrannte Lichter. Blitz oder Lampen sind selten notig und riskieren, das Tier zu verschrecken.
Annaherung. Das ist der entscheidende Punkt. Der Dugong ist scheu, aber nicht panisch: Er toleriert menschliche Anwesenheit, sofern sie ruhig, langsam und vorhersehbar ist. Sich in 3-4 Metern Entfernung am Boden ablegen und warten, bis er sich grasend nahert. Niemals auf ihn zuschwimmen, ihn niemals von oben bedrohen, niemals seinen Weg zur Oberflache blockieren — er muss atmen konnen. Die besten Bilder entstehen, wenn das Tier den Fotografen vergisst und sein Grasen wieder aufnimmt.
Klassischer Fehler. Dem Dugong hinterher flosseln, wenn er sich entfernt. Der durch die Flossen aufgewirbelte Sand ruiniert die Sicht in Sekunden, und das Tier beschleunigt, wenn es die Unruhe spurt. Besser ist es, bewegungslos zu bleiben und seine Ruckkehr abzuwarten — die Dugongs von Abu Dabbab zum Beispiel folgen einem vorhersehbaren Graskreislauf und kommen oft an derselben Stelle vorbei.



